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09.04.1999
 

Agrotech

Die Saat geht auf

Von Heide Neukirchen

2. Teil: Neue Industriestrukturen bilden sich

Neue Industriestrukturen bilden sich heraus

Die Agro-Konzerne stimmen dann das gentechnisch veränderte Saatgut und ihr Pflanzenschutzmittel perfekt aufeinander ab. Das gelingt ihnen bei der Unkrautvernichtung am besten.

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Der Landwirt ist gezwungen, das ganze System zu erwerben, das Herbizid ebenso wie das Saatgut. Der Erlös, den sich früher Züchter und Pflanzenschutzhersteller teilen mußten, fließt in eine einzige Kasse. Das erklärt, warum die Agro-Chemieunternehmen ihre Zulieferer reihenweise aufkaufen.

Auch Nahrungsmittelproduzenten beteiligen sich am Übernahmepoker. Sie wollen Zugriff bekommen auf Getreide, Obst und Gemüse, das langsamer fault, schöner aussieht, besser schmeckt und obendrein angenehmer duftet.

Und das gibt es oder wird es bald geben. Die Gentechniker können inzwischen mehr leisten, als Pflanzen gegen Insekten, Moos und Pilze zu immunisieren. Sie verbessern die Qualität der Ernte.

"Saatgut ist heute eine strategische Aktivität, die weit über eine normale Zulieferfunktion hinausgeht", urteilt die niederländische Rabobank in einer Branchenstudie. Zwar gibt es 1500 Saatgutproduzenten weltweit, Kleinstbetriebe nicht mitgezählt. Die zehn größten decken jedoch ein Drittel des Weltbedarfs an Ölsaaten, Maiskeimlingen, Getreidekulturen, Sojabohnen und Reisplanzen. Sie gehören zu Agro-Multis und Nahrungsmittelkonzernen. "Es entstehen ganz neue Industriestrukturen", sagt Gerhard Prante, CEO von Agrevo, dem Pflanzen-Joint-venture von Hoechst und Schering.

Agrevo bezeichnet sich heute nicht mehr als "Pflanzenschutzhersteller", sondern als "Anbieter für komplette Lösungen zur Produktivitätssteigerung in der Pflanzenproduktion". Die Firma verkauft das bekannte Herbizidsystem Liberty Link, das mit Roundup von Monsanto konkurriert.

Agrevo-Chef Prante erwarb seit 1994 sieben Saatgutfirmen. Der neueste Coup war Ende Februar der Kauf der Biogentic Technologies B. V., zu der Proagro gehört, Indiens Nummer eins bei Mais und Hirse.

Das vier- oder sogar zehnfache des Umsatzes müssen die Konzerne für eine innovative Saatgutfirma ausgeben. Strategisch wichtige Betriebe sind noch teurer. Der US-Konzern Monsanto, der innerhalb von drei Jahren 8 Milliarden Dollar in Saatgut investierte, zahlte sogar das 20fache des Umsatzes, 525 Millionen Dollar, für den Getreidespezialisten PBIC und das 22,7fache, 1,02 Milliarden Dollar, für den Maisexperten Holden. Agrevo hatte für die beiden Betriebe nur 350 beziehungsweise 700 Millionen Dollar geboten - und prompt verloren.

Die Analysten der Deutschen Morgan Grenfell sprechen angesichts dieser Preisschlachten von "Torschlußpanik", die viele Pflanzenschutzriesen erfaßt habe, um die "Hochgeschwindigkeitsstraße über Gentechnik und Saatzugang" ja nicht zu verpassen. Die Finanzprofis mahnen die Investoren jedoch, die Realität nicht aus den Augen zu verlieren. Bislang würde in der Agro-Biotechnologie "mehr investiert als geerntet".

Neben den schwindelerregenden Einstandspreisen, die hohe Goodwill-Abschreibungen nach sich ziehen, müssen stolze Summen in Forschung und Entwicklung investiert werden. Sie liegen in der grünen Gentechnik so hoch wie beim chemischen Pflanzenschutz oder in der Pharmaindustrie.

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