Herr Schwartz, ein Redakteur des manager magazin hat sich für eine investigative Recherche bei den zehn wichtigsten Anbietern medizinischer Check-ups untersuchen lassen. Ein legitimes Verfahren?
Präventionsexperte: Friedrich Wilhelm Schwartz leitet den Sachverständigenrat der Bundesregierung für das Gesundheitswesen
mm: Die Ergebnisse des mm-Tests sind bizarr, zum Teil erschreckend. Fast jede der Kliniken stellte bei dem gesunden Probanden Diagnosen, die von den anderen nicht bestätigt werden konnten. Überrascht Sie das?
Schwartz: Nein. Die eingesetzten Methoden der Hightech-Medizin taugen zur Untersuchung von Kranken, zur Abklärung von Symptomen. Bei Gesunden, das wissen wir, liefern sie viele "falsch positive" Befunde. So werden Menschen, die keine Beschwerden haben, zu Behandlungsbedürftigen. Zumindest zu Objekten weiterer medizinischer Fürsorge.
mm: Was haben die untersuchenden Ärzte falsch gemacht?
Schwartz: Sie haben aufwändige Apparate in den Mittelpunkt ihrer Arbeit gestellt - sei es nun ohne oder wider besseres Wissen. Aus der internationalen Fachliteratur, aber auch aus dem konkreten Maßnahmenkatalog der Task Force Group for Preventive Service lässt sich ableiten: Viele der bei deutschen Check-ups vorgenommenen Untersuchungen sind unnütz, nur zur Abklärung krankhafter Veränderungen geeignet oder gar nicht empfehlenswert. Manche, etwa das Röntgen der Brustkorb-Organe, können sogar Schäden anrichten. All dies ließe sich vermeiden.
mm: Aber die Klientel der Kliniken verlangt nach Hightech. Ein Manager, der 2000 Mark und mehr für einen Checkup bezahlt, darf doch auch einen entsprechenden Aufwand erwarten.
Schwartz: Sicher. Aber die Gründlichkeit und vor allem die Richtigkeit und Verlässlichkeit eines Checkups hängen nicht mit dem Umfang seiner apparativen Testbatterien zusammen. Im Bereich der Ultraschalluntersuchungen wird zum Beispiel viel Schindluder getrieben.
mm: Ist das tatsächlich nur Nachlässigkeit, nicht etwa Beutelschneiderei?
Schwartz: Wahrscheinlich Ersteres. Zwar ist weltweit anerkannt, dass die Prävention ein ebenso wichtiges Standbein der Heilkunde ist wie etwa das Kurieren. Doch gibt es in Deutschland, anders als in den USA, keinen Lehrstuhl für Präventivmedizin.
mm: Sind Check-ups somit vollkommen überflüssig?
Schwartz: Nein. Eine individuelle Beratung zur Lebensführung, gegebenenfalls auch für eine Änderung derselben, kann äußerst positive Wirkungen auf den Gesundheitserhalt zeigen. Allerdings muss diese Beratungskompetenz umfassend geschult werden. Prozesse einer grundsätzlichen Lebensumstellung sind meistens langwierig, komplex und nicht selten konfliktbeladen. Mit Schulterklopfen ist es dabei nicht getan.
mm: Brauchen wir neue, präzisere, schärfere Vorschriften, um den diagnostischen Wildwuchs der Check-ups einzugrenzen?
Schwartz: Die deutsche Ärzteschaft und die wissenschaftlichen Fachgesellschaften haben bereits viele Leitlinien zur Diagnostik verabschiedet. Die müssen nun konsequent auf das Angebot medizinischer Check-ups umgesetzt werden. Kliniken, die das befolgen, sollten ein Qualifikationszertifikat erhalten.
mm: Muss sich auch die Erwartungshaltung der Klientel ändern?
Schwartz: Das wäre wünschenswert. Ich beobachte an vielen deutschen Managern eine Art "Unzerstörbarkeitswahn", der durch regelmäßige Check-ups aufrechterhalten oder sogar zusätzlich gespeist wird.
mm: Was können, was müssen Check-ups also auch künftig leisten?
Schwartz: Ärzte und andere am Gesundheitserhalt beteiligte Spezialisten können beraten, um Schaden früh zu erkennen und - in Kooperation mit den Betroffenen - möglichst gering zu halten. Unsterblich wird dadurch niemand - auch nicht bei der besten Prophylaxe.
mm: Deutsche Unternehmen geben im Jahr Millionen Mark aus für die medizinischen Check-ups ihres Managements. Worauf sollten die künftig achten, damit sie kein Geld zum Fenster hinauswerfen und dennoch ihren Führungskräften etwas wirklich Gutes tun?
Schwartz: Sie sollten nur noch Kliniken beauftragen, die den Schwerpunkt auf das Erheben einer umfassenden, präzisen Krankengeschichte, auf eine sorgfältige körperliche Untersuchung und auf individuelle Beratung zur Lebensführung legen. Die aufwändige Apparatemedizin nur für den Fall bereithalten, dass krankhafte Veränderungen festgestellt werden. Anerkannte Qualifikationszertifikate können hierbei die Auswahl erleichtern.
© manager magazin 3/2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH