Am meisten erschrickt der Proband, als die Ultraschalluntersuchung Ablagerungen in seiner Halsschlagader zeigt. "Da, ganz deutlich", sagt der Arzt und schiebt das Gerät durch das glibberige Gel, das er zuvor großzügig auf der Haut zwischen Schlüsselbein und Kinn des Probanden verteilt hat. Er tippt Befehle in die Tastatur ein, lässt die Dicke der verdächtigen Gewebeschicht von der Maschine vermessen: "Ein Millimeter. Grenzwertig krankhaft."
"Heißt das: Ich verkalke?", fragt der Proband bang nach. Mit 44 Jahren hat er bislang geglaubt, noch weit entfernt zu sein von solchen Altersgebrechen. "Sie fangen damit an", lautet die wenig tröstliche Antwort. Und: "Verdickte Arterieninnenwände sind einer der größten Risikofaktoren für Schlaganfälle." Wenig später erfährt der Proband, dass der gleiche Prozess schädlicher Ablagerungen auch an seinen Herzkranzgefäßen zu beobachten sei.
Wieder zeigt der Arzt auf eine Abbildung, die Laien so viel sagt wie ein seismisches Protokoll oder der Kursverlauf einer südostasiatischen Aktien-Neuemission. Mit spitzem Stift tippt er auf ein winziges Stück einer Linie, die das EKG bei der höchsten Leistungsstufe des Herz-Kreislauf-Belastungstests auf dem Ergometer-Fahrrad gezeichnet hat: "Der Anstieg ist zu steil. Erste Anzeichen für Arteriosklerose - ein erkennbares Risiko für Herzinfarkt." Der Proband muss trocken schlucken.
Bei allen ähnlichen Untersuchungen, die nach den- selben Verfahren in anderen Kliniken vorgenommen werden, bekommt er dagegen Bestnoten: "Sie sind topfit, ihr Herz ist kerngesund", heißt es dort.
Und: Alle weiteren Ultraschalluntersuchungen seiner Halsschlagadern, die er über sich ergehen ließ, endeten "ohne Befund". Kein anderer Arzt misst die inneren Wandschichten dicker als 0,3 Millimeter.
Die Angst einflößenden Diagnosen wurden im Rahmen einer investigativen Recherche gestellt: manager magazin wollte wissen, was die so genannten medizinischen Check-ups leisten. Als verdeckter Tester unterzog sich daher der Autor, promovierter Humanmediziner und mm-Redakteur, in mehreren Wochen den Untersuchungen.
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