06.11.1998
Twitter GooglePlus Facebook

Japan

Grenzgänger

Von Silke Gronwald, Tobias Kaiser und Susanne Risch

Den Deutschen in Japan winken selten Karrieren, dafür ist ihr Büroalltag aufregend und exotisch.

Sie tragen die gleiche Kleidung, essen in denselben Restaurants, respektieren die kulturellen Gepflogenheiten, und trotzdem fallen sie auf. Deutsche in Japan sind Exoten.

Schon die äußere Erscheinung der oftmals um einen Kopf größeren Blond-, Rot- oder Braunschöpfe macht das Untertauchen in der Masse unmöglich. Der Fremde sticht hervor, ob er will oder nicht.

Eine unangenehme Situation, insbesondere in einem Land, zu dessen wichtigstem Prinzip die Harmonie der Gruppe zählt. Kein Wunder, daß sich die Deutschen um Anpassung bemühen. Doch der krampfhafte Versuch, ihre Andersartigkeit zu übertünchen, schadet oft mehr, als er nützt.

Kein Japaner erwartet ernsthaft, daß ein "gaijin", ein Fremder, mit allen asiatischen Regeln und Gesetzen konform geht. Im Gegenteil: Deutsche, die bereit sind, die eigene Herkunft zu verleugnen, sind den traditionsbewußten Japanern eher suspekt.

Wer sich im japanischen Business als Ausländer den Respekt der Asiaten verschaffen will, muß allerdings mehr beherrschen als das komplizierte Ritual der Visitenkartenübergabe: Arbeiten in Fernost bedeutet eine ständige Gratwanderung.

Was es heißt, der einzige Deutsche in einer japanischen Firma zu sein, hat Hjalmar Hütte erfahren. Wochenlang wurde der Frankfurter Rechtsanwalt, der drei Jahre bei einem japanischen Mittelständler arbeitete, von seinen Kollegen separiert. Er saß nicht mit den anderen in einer Reihe und hatte keinen normalen Arbeitsplatz. Der steht einem Japaner nur in genormtem Maß zur Verfügung: Die Schreibtische sind 1,20 mal 0,80 Meter klein und ziehen sich in langen Doppelreihen durch die Großraumbüros.

Bis zu 120 Mitarbeiter sind darin zusammengepfercht, im Büro von Hütte waren es nur rund 30. Aber der Deutsche wurde allein am unteren Ende des Raumes plaziert – mit dem Rücken zum Rest der Belegschaft. Dort hockte der Fremdling so lange, bis die Kollegen ihn endlich als ungefährlich einstuften.

Bernd Kestler, der als Marketingassistent bei einem Büroausstatter in Tokio arbeitet, ist es kaum anders ergangen. Über Monate hinweg wurde der Ingenieur von seinen Kollegen kritisch beäugt. Alles wurde registriert, sagt er, jede Bewegung aufmerksam studiert. Nur mitgeteilt hat kaum einer seine Eindrücke: "Im ersten halben Jahr bekam ich für meine Arbeit überhaupt kein Feedback."

Mit ausführlichen mündlichen Einweisungen am Arbeitsplatz oder gar einer schriftlichen Stellenbeschreibung halten sich japanische Manager generell nicht auf. Am Anfang ist jeder Neue auf sich allein gestellt: Er soll Zeit haben, sich zu orientieren, und so lange durch unterschiedliche Abteilungen rotieren, bis er sich ausreichend kundig gemacht hat. Einführungstrainings, wie sie in Deutschland durchaus üblich sind, finden in Japan kaum statt. Schon deshalb sind Dienstgespräche mit Neuankömmlingen selten.

Für Privatgespräche gilt das nicht. Am persönlichen Umfeld des Einsteigers sind japanische Kollegen sehr wohl interessiert – so sehr, daß ihr Frage-und-Antwort-Spiel, das eine typische Dialogform darstellt, die Deutschen in Japan oft genug nervt.

Bevorzugt werden Klischees abgefragt. Die ersten Wochen, erzählt Johannes Beck, der erst als Praktikant und danach als fester Mitarbeiter bei dem Industriekonzern Ishikawjima Harima in Tokio arbeitete, seien ziemlich frustrierend gewesen.

Da galt es, mit Standardfloskeln den immer gleichen Vorurteilen zu begegnen: "Doch, ich kann mit Stäbchen essen. Ja, ich mag Sushi. O ja, ich schätze Ihr Land. Nein, ich bin kein Amerikaner, und ich bin auch kein Sprachlehrer."

Ein Deutscher in Japan braucht schon eine Menge Selbstbewußtsein, um auf die Ausfragerei stets mit Verständnis und Geduld zu reagieren. Er muß vor allem lernen, das Wechselspiel von Aufdringlichkeitl und Distanz richtig einzuschätzen. Denn auch indiskrete Fragen sind nicht persönlich gemeint, sondern als Zeichen der Furcht vor dem Unbekannten zu interpretieren. Jedes Detail, das hilft, den Fremden, der nicht zur Gruppe gehört, besser einzuordnen, ist deshalb von hohem Interesse.

Tatsächlich ist das Eindringen in die Intimsphäre eines Deutschen noch harmlos, verglichen mit dem, was ein Japaner auszustehen hat, der einst zur Gemeinschaft gehörte und irgendwann seinen Status als Gruppenmitglied verlor.

Was passiert, wenn einer nicht mehr ins Team paßt und das Unternehmen den Mitarbeiter loswerden will, läßt sich in Japan immer wieder beobachten. Dann scheint jedes Mittel recht, den Betreffenden zum Ausstieg zu bewegen.

Wege zur Harmonie

LITERATUR:

James C. Abegglen, George Stalk: "Kaisha The Japanese Corporation";
Charles E. Tuttle Company, Japan 1985, 308 Seiten, 17 Dollar.
Wie funktionieren japanische Firmen? Der Klassiker liefert eine detaillierte Innenansicht.

Diana Rowland: "Japan Knigge für Manager";
Campus Verlag, Frankfurt am Main 1994, 174 Seiten, 39,80 Mark.
Alles über die richtigen Umgangsformen - privat wie geschäftlich.

Uwe Schmitt: "Sonnenbeben";
Peperkorn, Göttingen 1998, 305 Seiten, 39 Mark.
Der ehemalige Ostasien-Korrespondent der "FAZ" stellt Land und Leute vor - 50 lesenswerte Beiträge.

SEMINARE:

"Auslandsvorbereitung für Führungskräfte - Interkulturelles Management Ostasien";
Termine: 30. November bis 4. Dezember 1998 und 1. bis 5. März 1999 in der Nähe von Bonn; Preis: 2950 Mark.
Veranstalter: Institut für Interkulturelles Management (IFIM), Tel.: 0 22 23/9 24 50, Fax: 92 45 45, Internet: www.ifim.de

"Verhandeln mit japanischen Geschäftspartnern";
Termine: 12. November in Neuss und 24. November in Wiesbaden; Preis: 1795 Mark.
Veranstalter: Management Circle, Tel.: 0 61 96/4 72 27 00, Fax: 4 72 29 99, Internet: www.managementcircle.de
Thomas Kruemmer, der seit sieben Jahren als Geschäftsführer der Tokio-Filiale der deutschen Pharmafirma Helm arbeitet, hat schon jede Form von Schikane gesehen. Unterschiedliche Graduierungen von Demütigungen gehören genauso zum Kündigungsrepertoire japanischer Unternehmen wie die Degradierung hochrangiger Manager zu Hilfsarbeitern. Da ist der ehemalige Chef dann nur noch autorisiert, Rasen zu mähen und die Mülltonne zu leeren. Oder er wird regelmäßig auf beschwerliche Reisen geschickt, um in den Provinzfilialen das Faxpapier auszuwechseln.

Das kann einem Deutschen im japanischen Unternehmen nicht passieren. Trennungen auf fiese Art sind auch nicht nötig, die Ausländer erhalten in der Regel ohnehin nur befristete Arbeitsverträge. Und damit erwirbt keiner den Anspruch auf lebenslange Beschäftigung.

Die Deutschen in Japan haben statt dessen mit Statusproblemen zu kämpfen. Viele derer, die von japanischen Firmen engagiert werden, dienen vor allem als Vorzeigeausländer. Die Unternehmen wollen ihre Weltoffenheit demonstrieren.

Matthias Berg*, Softwareentwickler bei einem Elektronikkonzern in Tokio, ist sich dieser Funktion wohl bewußt. Seit seinem Einstieg in der Firma, erzählt er, habe ihn sein Chef zu allen möglichen internationalen Meetings eingeladen. Aber immer, wenn es um Entscheidungen ging, blieb der Deutsche außen vor. Inzwischen hat sich der Ingenieur an die Statistenrolle gewöhnt. Er hat viel gelernt, und alt werden will er bei seinem jetzigen Arbeitgeber ohnehin nicht.

Akzeptiert hat Berg auch die Arbeitszeiten, und die sind für Deutsche wie Japaner gleich: Gearbeitet wird bis spät in die Nacht, nicht zuletzt, weil erst in den ruhigen Abendstunden konzentriertes Arbeiten im Großraumbüro möglich ist. Zudem zieht die meisten vor Ort lebenden Deutschen wenig in ihr gemietetes Quartier. Wer nicht mit dem exklusiven Expatriate-Status im Land lebt, kann sich eine attraktive Wohnung finanziell kaum leisten. Ein 60-Quadratmeter-Appartement in zentraler Lage kann bis zu 6000 Mark Monatsmiete kosten.

Bezahlbare Alternativen sind die sogenannten domitoris, Wohnheime für Männer oder auch Frauen – getrennt nach Geschlechtern, versteht sich –, die japanische Firmen ihren Mitarbeitern kostengünstig zur Verfügung stellen. Auf Luxus allerdings darf dort keiner hoffen: Die Zimmer sind im Schnitt 20 Quadratmeter groß und ziemlich spartanisch eingerichtet.

Das ist keine Dauerlösung, aber die suchen auch nur die wenigsten Deutschen. Wer länger in Japan lebt, ist in der Regel bei einer deutschen Niederlassung unter Vertrag. Eine Karriere in einem japanischen Unternehmen ist für Ausländer so gut wie ausgeschlossen. Mit Glück können Quereinsteiger im mittleren Management einsteigen, die Topebene erreichen sie nie. Für die meisten ist der Nippon-Aufenthalt deshalb nur ein Karrierestep, um dann weiterzuziehen.

Immer in der Hoffnung, daß sich eine Erkenntnis bewahrheitet, wie sie Stefan Richter formulierte, ein Manager, der für den Otto Versand jahrelang in Tokio lebte: "Wer in Deutschland als guter Manager gilt, hat beste Chancen, in Asien zu scheitern. Wer in Japan erfolgreich ist, der wird vermutlich überall reüssieren."

*Name von der Redaktion geändert.

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • deli.cio.us
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live











Service
manager-magazin-AbonnementAbo-Service
Angebote von A bis ZAngebote von A-Z
Ihr persönliches DepotDepot
Twitter-FeedsTwitter-Feeds
manager magazin mobilmm mobil
Partnerangebote
Analysieren Sie online Ihren Standort im Vergleich zu den Besten mit CONTOR-REGIOContor-Regio:
Analysieren Sie
online Ihren Standort
Seminarmarkt: Tanken Sie KarrierewissenSeminarmarkt:
Tanken Sie Karrierewissen
GehaltsCheck: Verdienen Sie genug?GehaltsCheck:
Verdienen Sie genug?
Handytarife: Finden Sie den passenden TarifHandytarife:
Finden Sie den passenden Tarif
Medführer: Finden Sie Ihren Arzt oder Ihre KlinikMedführer:
Finden Sie Ihren Arzt
oder Ihre Klinik
imedo Arztsuche: Ärzte, Therapeuten, Heilpraktiker und Apothekenimedo:
Ärzte, Heilpraktiker, Apotheken