Freitag, 14. Dezember 2018

Ungewöhnliche Wohnorte Umbau im Umspannwerk

Umspannwerk: Wohnen im Industrieschloss
Heiner Orth

Wo früher der Strom für die Berliner Straßenbahn transformiert wurde, wohnt jetzt eine Familie in großzügigen Räumen. Wo einst die Trafos summten, brummt jetzt das Familienleben. Das Industriegebäude ist zu einem echten Prunkstück gelungener Architektur geworden.

Berlin - Zehlendorf war nie das Ziel ihrer Träume - zu weit draußen, zu langweilig. Heute aber sind die Kahlfeldts froh über ihr Haus im Grünen. Stefan Kahlfeldts Bruder Paul hatte das alte Umspannwerk entdeckt. Die imposanten Gleichrichterwerke interessierten den Architekten schon lange als ein Stück Berliner Stadtgeschichte, und sein Büro hatte bereits einige davon renoviert.

Dies war das kleinste und baulich auffälligste: Mit Erker, Treppenturm und fein gemauerten Gesimsen war es dem Architekten Hans Heinrich Müller 1929 gelungen, das industrielle Innenleben zu kaschieren und das Gebäude auf Wunsch der Zehlendorfer an die umliegenden Villen anzupassen.

Rein äußerlich betrachtet, konnte man sich gut vorstellen, darin zu wohnen. Paul Kahlfeldt begeisterte seinen Bruder von der Idee, doch bei Verkäufern und Behörden musste harte Überzeugungsarbeit geleistet werden. Zwei Jahre lang dauerten die Verhandlungen mit dem Stromversorger, dem das Gebäude gehörte, und die Genehmigungsverfahren für die neue Nutzung.

Der Umbau selbst ging in nur zehn Monaten über die Bühne. Obwohl es schon lange leer stand, war das Gebäude gut in Schuss, es gab keine Bauschäden. Unter abgewetztem Linoleum kam schönes altes Holz zum Vorschein, das nun perfekt ins Wohnumfeld passt. Wegen seiner Größe sollte das Gebäude in zwei Einheiten geteilt werden. Es ist wie eine Industriehalle gebaut, eine Stahlskelettkonstruktion, deren Innenwände sich leicht herausnehmen ließen.

Der teuerste Posten waren die Fenstertüren

Die größte Herausforderung war die Schaffung echter Wohnräume in der fast leeren Hülle. Die Aufteilung verläuft asymmetrisch durch das Gebäude, die Nachbarwohnung hat die großzügigen Hauptwohnräume oben, bei Kahlfeldts liegen sie unten. Ohne Türen gehen hier verschiedene Wohnbereiche ineinander über. Eine Wand teilt den Raum nur zur Hälfte, gibt den Zonen aber eine eigene Identität, sodass man sich nicht in der Weite verliert.

Tageslicht strömt durch die enormen Fenstertüren bis in den hintersten Winkel. "Sie waren der teuerste Posten bei der ganzen Aktion", verrät der Hausherr. Der Denkmalschutz verlangte die exakte Wiederherstellung der alten Eisenfenster. Sie öffnen sich nach außen und stehen wie Windschutzwände auf der Terrasse, die einst Laderampe war. Zur Dämmung wurde innen vor alle Metallfenster und -tore ein Pendant aus Holz gesetzt, das Ganze funktioniert wie klassische Kastenfenster.

Auch die Mauern wurden aufgedoppelt. Die alten Außenwände bekamen von innen noch eine Schale aus Porotonziegeln. Zusammen mit der Fassade sind sie nun dicker als bei jedem Neubau, und allein die Fußbodenheizung erzeugt wohlige Wärme im ganzen Haus.

Der Clou im gesamten Raumensemble ist eine verglaste Box. Sie befindet sich eine halbe Ebene hoch über dem Wohnraum. Hier standen früher die Schaltanlagen für die Trafos in der Halle. Eine Art Schaltzentrale ist es auch heute noch, nämlich die Küche.

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