Montag, 26. Juni 2017

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Antike Luxuskoffer Die große Zeit des Reisens

Antike Louis-Vuitton-Koffer: Zweites Leben als Zimmerbar und Couchtisch
Fotos
The Vintage Luggage Company / René Staud Studios

Eine alte Truhe kann den Wert eines Mittelklassewagens haben, vorausgesetzt, sie ist vom richtigen Hersteller. Wer aufs Geld nicht achten muss, zahlt sogar fünfstellige Summen für ein lederbeschlagenes Reisemöbel von Louis Vuitton.

Hamburg - Der Koffer mit den schweren Beschlägen ist lang und sperrig, das rot ausgeschlagene Innere sorgsam unterteilt in mehrere Fächer von Schuhkartongröße. Der Hamburger Antiquitätenhändler Joachim-Michael Lemcke lässt seine Kunden gerne raten, wozu das gute Stück aus dem Jahr 1911 diente.

Aber kaum einer kommt darauf. Es war eigens zum Transport der Encyklopedia Britannica bestimmt, quasi ein USB-Stick für Globetrotter der vorvergangenen Jahrhundertwende, die auf langen Reisen nicht auf ein zuverlässiges Nachschlagewerk verzichten mochten.

Direkt daneben steht in Lemckes nüchternem Lagerraum der "Laptop der 1920er Jahre" - eine riesige Truhe mit soliden Griffen, deren bloßer Anblick Rückenschmerzen verursacht. Klappt man den Deckel nach vorne auf, erscheint ein richtiges kleines Büro: Klapptisch, Aktenfächer, Schubladen, alles sinnreich arrangiert und tadellos in Schuss.

"Diese Truhen stammen aus der goldenen Zeit des Reisens", erläutert Lemcke, "damals waren reiche Leute oft Monate lang mit ihren Familien und Angestellen unterwegs, und der Tross hatte zehn bis 15 Truhen dabei. Die Art des Reisens war eine andere." Wohl wahr. Die traditionelle Grand Tour durch Europa konnte schon ihre sechs Monate dauern, man zog sich gerne, dem jeweiligen Anlass entsprechend, mehrfach am Tag um - und Louis Vuitton, der 1854 seinen ersten Kofferladen in Paris eröffnet hatte, stattete die Reichen mit dem passenden Gepäck aus.

Kampferholz für Pelze, Aluminium für Safarizubehör

Sein erster Coup war 1858, wie die Firmenhistorie behauptet, die Erfindung der flachen und damit stapelbaren Reihetruhe. Für Pelze fertigte er Kampferholztruhen, damit sich keine Motten einnisteten; Safarireisende bevorzugten Truhen aus dem damals revolutionären Material Aluminium. Schuhe wurden in einem eigenen Koffer mit sinnreicher Fächerunterteilung untergebracht, und die Tagesgarderobe fand Platz in einem mobilen Reiseschrank mit ausklappbarer Bügelschiene und Unterwäscheschubladen.

Man wird wehmütig, wenn man die voluminösen Truhen betrachtet. Reisen war noch ein Abenteuer, das Wort "Handgepäck" hatte weiter keine Bedeutung, und niemand, der es sich anders leisten konnte, wäre auf den Gedanken gekommen, seine Siebensachen auf dem Rücken zu tragen oder ständig auf Rollen hinter sich herzuziehen. Reisen war Aufwand, war Abenteuer, ein Unterfangen voller kleiner und großer Unsicherheiten. Kleidertruhe, Schuhkoffer und Reisesekretär boten die Möglichkeit, der Fremde ein wenig von ihrer Fremde zu nehmen und sich nebenbei gleich selbst mit in Szene zu setzen.

Spätestens mit dem Aufkommen des Flugverkehrs hatte es ein Ende mit dem Truhenpacken. Trotzdem sind die alten Riesenkoffer aus der Zeit von 1880 bis etwa 1930 beliebt. Die mobile Gesellschaft globalisierter Sehrgutverdiener hat ihren Symbolwert für das eigene Leben erkannt: Wer viel unterwegs ist, stellt sich zu Hause gerne eine alte Reisetruhe hin. Das mag ein Widerspruch sein, aber ein schmucker. Auch teure Hotels dekorieren deshalb gerne mit altem Louis-Vuitton-Gepäck.

"Meine Kunden sind die Wohlhabenden dieser Welt. Das ist ein Artikel, den niemand dringend braucht", fasst der Braunschweiger Händler Burkhard Wendt die Koffer-Klientel lakonisch zusammen. "Die Wertentwicklung hat sich seit der D-Mark-Zeit mehr als verdoppelt", meint er. Schließlich steckten in einem fertig restaurierten Stück mindestens 300 Stunden Arbeit. "Unter 20.000 Euro wird man deshalb nichts finden."

Stolze 40.000 Euro gab Teenieschwarm Zac Efron vor zwei Jahren für einen Vuitton-Schrankkoffer aus den 1920er Jahren aus, den er seiner damaligen Freundin Vanessa Hugens schenkte. Es geht allerdings auch billiger. Das Auktionshaus Hampel in München versteigerte einen kleinen Koffer aus derselben Zeit für 1400 Euro, eine etwas ältere große Reisetruhe ging beim Lindauer Auktionator Zeller schon für 3600 Euro weg.

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