Mittwoch, 12. Dezember 2018

Ein Mann und seine Küche Die Herzkammer

Verspielt oder klar? Holz oder Metall? Kein Raum verrät so viel über die Persönlichkeit eines Menschen wie seine Küche. Ein Hausbesuch bei Konrad Winzer, einem Bildhauer aus dem Schwarzwald.

Früh am Morgen zieht ein feuchtkalter Hauch aus dem schwarzen Wald hinunter ins sanfte Hügelland, schnürt geduckt ein Fuchs den kleinen Feldweg entlang, schlägt irgendwo weit entfernt eine Kirchturmglocke. Vor dem Haus fallen Streuobstwiesen wellig hinab in die Rheinebene, drüben liegen ein paar Felder und Eichenwälder am Hang über dem Dunst, darüber die schwarzen Schatten der Vogesen. Drinnen im Haus knacken schwere Dielen, ein Feuer prasselt, ölig schwarz tropft Caffè aus einer chromblitzenden "Faema".

Der Künstler steht vor der schweren Maschine und strahlt: "Jetzt schau dir dieses geile Gift an!" Konrad Winzer ist Bildhauer, einer der tiefgründigsten im Land. Und seine Espressomaschine ist ein bisschen wie er. In vier Sekunden presst sie handgesteuert exakt 80 Grad heißes Wasser mit 12,5 Bar durchs Kaffeemehl, bildet eine sahnige Crema. Die "Faema" ist der ultimative Gegenentwurf zu Latte Macchiato und Chocolate Mocha Frappuccino to go. In ihrer reduzierten Ästhetik ist sie Sinnbild für eine der schönsten Küchen im äußersten Südwesten der Republik.

Weil Kunst und Qualität niemals nur partiell gelebt werden können, hat sich Konrad Winzer eine Küche gebaut, die in jedem Detail seinen Ansprüchen an Funktionalität und Schönheit entspricht. Im ersten Stock seines Hauses am Waldrand gehen unter einem hohen Giebel Küche, Esszimmer und Bibliothek nahtlos ineinander über. Den alten Dachstuhl des Hauses von 1719 hat er nach vielen Umbauten an seiner alten Stelle belassen, aus Respekt vor der Geschichte, der Zimmermannsarbeit.

Hinten öffnet sich ein gemauerter Kamin, daneben stehen ein Humidor, Kunstbände, Goethe-Gedichte und ein steinerner Krug mit verblühten Rosen. Überall im Raum stapeln sich Skizzen und Skulpturen, Grafiken und Entwürfe. Durch eine offene Tür schaut man hinunter ins Atelier - ein 964er Porsche Targa in Leinensilber parkt mitten im Raum vor einer drei Meter hohen Skulpturengruppe Erhängter aus Buntsandstein.

Die Küche von Konrad Winzer zeichnet sich dadurch aus, dass sie eigentlich gar keine ist. Durch das, was ihr fehlt. Ein Induktionsherd zum Beispiel. Oder ein Dampfgarer. "Wer braucht so was?", fragt er. Von einer Mikrowelle ganz zu schweigen. Oder einer Tiefkühltruhe. Die Spülmaschine wird ersetzt durch einen groben Steintrog und eine Wurzelbürste.

Der Stein stammt aus dem Elsass des 16. Jahrhunderts, die Wurzelbürste - nur von einem schmalen Stahlband zusammengehalten - zeigt trotz jahrelangen Gebrauchs keine Abnutzungsspuren. Aus dem Wasserhahn läuft eiskalt das Wasser einer kleinen Quelle der Sandsteinausläufer des Schwarzwaldes oberhalb des Hauses. Süß schmeckt es, mineralisch, sauerstoffsatt.

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