Freitag, 23. Juni 2017

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Baubotanik Lebendes Fachwerk

2. Teil: "Bauen für die Ewigkeit ist Irrsinn"

"Bauen für die Ewigkeit ist Irrsinn"

Kritiker fürchten jedoch, dass die Pflanzen unter den künstlichen Lasten leiden. Ludwig hält dem entgegen: "Dem Baum ist es egal, ob er Blätter trägt oder ein Auto - solange er genügend Blätter hat, um seine Lebensfunktion aufrecht zu erhalten." Die Pflanze werde von Anfang an darauf trainiert, Beanspruchungen Stand zu halten.

Lebende Brücke: die Computeranimation zeigt eine geplante Querung der Neisse
Allmählich verdicken sich die Zellwände im Holz und der Stamm wird stabiler. Dies ist ein natürlicher Anpassungsvorgang, den sich die Baubotaniker zunutze machen. Allerdings können die Weiden die Last nicht immer von Anfang an schultern. Bei einem größeren Pavillon in Freiburg wurde das Textil-Dach über den Winter herausgenommen, da die Pflanzen die Schneelast noch nicht tragen können. Die Naturbrücke über die Neiße wird erst nach etwa sieben Jahren begehbar sein, nimmt Ferdinand Ludwig an: "Da muss man etwas Geduld mitbringen."

Zwar wachsen die Weiden sehr schnell und lassen sich bequem durch Stecklinge vermehren. Aber die Baumart weist die Architekten auch in Grenzen. Sie benötigt viel Licht und Wasser, weshalb die bisherigen Bauten allesamt an lichten Stellen in Parks errichtet wurden. "An schattigen Plätzen und in Städten gedeihen Weiden nicht gut", räumt Ludwig ein.

Neue Bäume sollen auch im Schatten wachsen

Deshalb züchten die Baubotaniker jetzt gemeinsam mit der Gruppe für Pflanzenbiomechanik des Botanischen Gartens der Universität Freiburg neue Bäume, die es auch in der Stadt etwa im Schatten eines Hochhauses aushalten. Im Gewächshaus gedeihen bereits drei Meter hohe und zwei Zentimeter dicke Platanen.

Wie im schattigen Unterholz schießen die Bäume in die Höhe, wenn bestimmte Blau- und Rotlichtanteile gefiltert werden. "Außerdem schützen wir die Bäume vor Wind. Dadurch werden die Stämme dünner", beschreibt Thomas Speck, Chef des Freiburger Biomechanikteams. Diese Verhältnisse stellen die Botaniker im Gewächshaus nach, um Platanen für ihre Bauten zu züchten. Künftig will Speck auch Pappeln, Ahorn und Eschen zu Baustoff formen. Danach sollen Lianen folgen, die ideale Seile für Hängebrücken abgeben können, wie traditionelle Bauwerke der Indios zeigen.

Der Freiburger Botaniker ist überzeugt, dass die lebenden Konstruktionen künftig einen festen Platz in der Architektur einnehmen werden. "Heute bauen wir immer noch für die Ewigkeit. Das ist im Grunde ein Irrsinn", meint er. Ein Gebäude werde oft nicht länger als eine oder eine halbe Generation gebraucht. Bäume sterben nach dieser Zeit einfach ab. Ein Abriss wäre überflüssig. Pilze und Bakterien könnten dann den Abrissbagger ersetzen.

Susanne Donner, ddp

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