Dienstag, 30. Juni 2015

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Verrückte Häuser Luxushütten und Stadtparasiten

Die Schnittmenge zwischen funktioneller Architektur und zweckfreier Kunst ist begehrtes Bauland. Japanische Teehäuser auf hohen Stelzen, selbstaufblasende Zelte für Obdachlose und durchdesignte Wohnmodule zum Mitnehmen an die schönsten Plätze der Welt - ein opulenter Bildband zeigt die interessantesten Konstruktionen.

Hamburg - Mitten im texanischen Ödland, am Rand des Highway 90, steht ein heller, flacher Quader. Sonst sind weit und breit keine Bauten in Sicht. Beim Näherkommen entpuppt sich das Objekt als Prada-Shop: Hinter großen Schaufenstern, beschattet von akkurat gespannten Markisen, eine Luxuskollektion von Schuhen und Taschen. Aber der Laden wird niemals öffnen. Die Berliner Künstler Michael Elmgreen und Ingar Dragset haben in der Abgeschiedenheit brachliegenden Weidelandes eine Zeitkapsel ausgesetzt, ein melancholisches Werk der vergeblichen Verheißung, eine verstörende Antithese des Konsums.

Mit dem Bildband "Spacecraft" (Die Gestalten, 255 Seiten, 50 Euro) unternehmen Robert Klanten und Lukas Feiriss eine Reise zu den Rändern der Architektur: Dort können Bauwerke zum kalkulierten Störfaktor werden, zum Erwartungsbrecher - aber es gibt auch versöhnliche Bauten, die sich behaglich in die Landschaft schmiegen und selbstzufrieden ausschließlich mit der Wärme und Energie auskommen, die sie dort autark generieren. Wie Michael Reynolds "Earthships": Die absoluten Passivhäuser, tief in die verschneite Erde der Traumlandschaften New Mexicos eingelassen, faszinieren als "Biotektur" Öko-Enthusiasten und Architekturliebhaber gleichermaßen.

Zelte an Bäumen und an Häusern

Das Buch kommt fast ohne Text aus, ein paar Zeilen auf Englisch, Künstlernamen, Jahreszahlen. Trotzdem ist es nicht nur buntes Augenfutter, sondern klug strukturierter Stoff, der den Blick auf modernes Wohnen, auf Urbanität, auf Raumerleben verändert. Verbindende Klammer ist der kleinste gemeinsame Nenner architektonischer Gebilde: Sie müssen innen hohl sein, und mindestens ein Mensch muss hineinpassen. Und sie müssen eine Idee verkörpern.

Am unteren Ende der Bedürfnisskala rangieren minimalistische Gebilde wie die "Para-Sites", selbstaufblasende Zelte für Obdachlose, die an Abluftschächte angekoppelt werden können und so aus der Abwärme großer Gebäude kuschelige Wärme für einen Miniwohnsitz erzeugen. Aber nicht nur aus Not, auch aus schöpferischem Überfluss werden künstliche Kleinsträume errichtet: Es gibt tropfenförmige Zelte, die an Bäumen hängen, ein aus Obstkisten zusammengezimmertes Baumhaus, das mitsamt Baum auf einem Hochhaus steht - einen auf kuriosen Stelzen balancierenden japanischen Teepavillon und fröhliche Spielzelte von Ikea, die eine Industriebrache in eine Kunstlandschaft transformieren.

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