Von Stefan Simons
Paris - Der leuchtende Kitsch von Las Vegas, die klimatisierte Gigantomanie Dubais, die animierten Visionen von Shanghai; daneben Fotos, Collagen, Installationen, die das Konzept Stadt selbst zum Thema haben: Das Centre Pompidou in Paris widmet dem urbanen Raum eine spielerisch-didaktische Ausstellung zwischen virtueller Wirklichkeit, künstlerischer Reflexion und betonierter Realität.
Historischer Kern der Wanderung zwischen rund 350 Exponaten - Modelle, Dokumente, Filme und Videos - sind die großen Weltausstellungen des vergangenen Jahrhunderts: jene geographisch-pädagogischen Jahrmärkte, die zuerst den wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften gewidmet waren, bevor sie 1898 in Paris dank der phantastischen Vielfalt selbst zu einem Massenphänomen gerieten. Zu beiden Seiten der Seine entstehen damals italienische Paläste, Tempel der Khmer und Schweizer Chalets, Kühe und Almhirten inklusive. Eiffelturm. Eine Schau, die wegen ihres Erfolgs bald kommerzielle Nachahmer fand - in den Vergnügungsparks.
Darauf nimmt "Dreamlands" Bezug, denn der Ausstellungstitel bezieht sich auf einen Vergnügungspark, der 1904 auf Coney Island vor den Toren von New York eröffnet wurde. Vielmehr als Budenzauber und Schausteller-Sensationen bot das Areal eine atemberaubende Rundreise zu Sehenswürdigkeiten rund um den Globus: Die Besucher bestaunten die Kanäle von Venedig, gesäumt von gemalten Palastfassaden, sie blickten auf Alpengipfel aus Pappe und Leinwand, waren gefesselt von chinesischen Tempeln - zu einer Zeit, als ferne Destinationen weder per Internet noch mit dem Billig-Flieger erreichbar waren.
"Architektur des Traums"
Was haben die Visionen eines Rummelplatzes mit Stadtplanung zu tun, was die Attraktionen einer Weltausstellung mit moderner Gestaltung?
Eine Menge, sagt Quentin Bajac, der "Dreamlands" zusammen mit Didier Ottinger konzipierte: "Am Ende des 19. Jahrhunderts waren die Motive und Rezepte dieser Architektur des Spektakels und der Unterhaltung noch auf die abgeschlossenen Räume von Themenparks der Weltausstellungen begrenzt. Doch dann wurden sie im Laufe des 20. Jahrhunderts allmählich auf die Schemata der urbanen Entwicklung angewendet." "Dreamlands", so die Kuratoren, werde damit zum Beginn einer "Architektur des Sensationellen, der Zerstreuung und des Traums".
Die Ausstellung im Centre Pompidou belegt diese enge Verbindung: wie nämlich die Ausstellungsillusionen Phantasien und Utopien beflügelten, wie sie Künstler angeregt und Stadtplaner beeinflusst haben - bis die Jahrmarkt-Luftschlösser in den neuen Metropolen zur neuen Formensprache wurden.
Vom "Pavillon de Vénus", einem mäandernden Pavillon, den Salvatore Dalí für die Internationale Weltausstellung in New York 1939 entwarf, bis zum "Learning from Las Vegas" von Robert Venturi und Denise Scott Brown, stellt die Ausstellung in 16 Bildern vor, wie sich dieses Verhältnis der gegenseitigen Inspiration bis heute entwickelt hat. Die beiden US-Architekten preisen die grelle Handschrift der Werbetafeln für Casinos, Hotels und Spielhöllen als kreative Auflehnung gegen die funktionale Einheitlichkeit aus Glas und Stahl.
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