Montag, 19. November 2018

Audemars Piguet Im Tal der Uhren

4. Teil: "Erst Logik, dann Mathematik"

"Ein bisschen verrückt"

Vielleicht kommt ja auch die eine oder andere von Garcia und Co. entworfene Uhr Jahrzehnte oder Jahrhunderte später wieder zurück zu Audemars Piguet - entweder ins Museum oder zur Überholung in die Restaurationsabteilung. Wilfred Berney arbeitet seit 47 Jahren in dem Unternehmen, fast alle Abteilungen hat er durchlaufen, bevor er in der Restauration historischer Uhren landete - wieder. "Bevor ich aufhöre, wollte ich zu meinen Wurzeln zurück", sagt er zufrieden, während er eine goldene Minitaschenuhr vor sich auf dem Arbeitsplatz öffnet und das Schlagwerk anstellt.

Feinmotoriker: Konstrukteur Papi entwickelt für eine Firmentochter von Audemars Piguet Drehgangwerke
Schöner Ton, aber nicht perfekt: "Uhr und Schlagwerk müssen überholt und wie ein Musikinstrument gestimmt werden", stellt er kurz fest. Kollege Francisco Pasandin widmet sich derweil einer anderen Uhr. Der 50-Jährige hat eine besondere Methode, sich auf die Präzisionsarbeit vorzubereiten. Jeden Tag läuft der drahtige Mann 50 Kilometer. "Das brauche ich", sagt er, kokettiert aber damit, "ein bisschen verrückt" zu sein.

Möglich, dass so mancher auch Giulio Papi für "ein bisschen verrückt" gehalten hat, als er sich 1986 - gerade mal 21-jährig - vom Mutterunternehmen löste und unter dessen Mantel mit Partner Dominique Renaud die Firma AP Renaud & Papi gründete, im nicht weit entfernten Le Locle. Mit wenigen Strichen zeichnet der gelernte Uhrmacher - ähnlich wie Designer Garcia - den Umriss eines Zeitmessers.

"Erst Logik, dann Mathematik"

Im Unterschied zu Garcia, dessen Entwürfe von anderen weiter bearbeitet werden, tüftelt Papi selbst weiter an seinen Kreationen. "Erst kommt die Logik, dann Mathematik", sagt der Mann, dem Kollegen bescheinigen, "alles in einer Person" - also genial - zu sein. Mit einer Bescheidenheit, die den Meister auszeichnet, entwickelt der 43-Jährige in dem spartanisch eingerichteten Büro seine Visionen von modernen hochleistungsfähigen Chronometern mit edlem Design.

Für Papi und seine etwa 150 Mitarbeiter mit einem Durchschnittsalter von 30 Jahren gilt das Gleiche wie für Audemars Piguet: dass in der Mikromechanik echte Handwerkskunst niemals durch computergesteuerte Maschinen zu ersetzen ist. Kopfarbeit und Fingerfertigkeit plus modernste Computertechnik sind die Basis für Innovation in der Uhrentechnik.

Es ist die Philosophie der Schweizer, junge begabte Leute wie Papi zu fördern, sagt Georges-Henri Meylan. Der Generaldirektor von Audemars Piguet investierte in Le Locle. Es war eine wichtige Entscheidung für ihn, und eine gute. Zufrieden lehnt sich Meylan in seinem Sessel zurück. 2007 konnte sein Unternehmen 530 Millionen Schweizer Franken (etwa 330 Millionen Euro) Umsatz verbuchen.

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