Dienstag, 20. November 2018

50 Jahre Fernbedienung Schaltzentrale im Wohnzimmer

Sie verleiht Couch-Potatoes Macht. Spielfilm, "Tatort" oder Fußball? Wer die Fernbedienung in der Hand hat, entscheidet. Philosophen bezeichnen das Gerät mittlerweile als "Zepter der Neuzeit". Ein Streifzug durch die 50jährige Geschichte der Fernbedienung.

Hamburg - Sie ist der heimliche Herrscher der Wohnzimmer. In vielen Familien hat sie daher den ehrfürchtigen Beinamen "die Macht" bekommen. Die Fernbedienung begann vor 50 Jahren ihren Siegeszug in Deutschland. "Die ersten Geräte waren allerdings noch fürs Radio bestimmt", erklärt der Leiter des Rundfunkmuseums Fürth, Gerd Walther. 1954 gab es nur die ARD, das ZDF ging erst im April 1963 auf Sendung. "Die Firma Saba hat damals kabelgesteuerte Fernbedienungen mit Sendersuchlauf, Ein- und Ausschaltfunktion und Tonsteuerung auf den Markt gebracht", sagt Walther im ddp-Gespräch.

Fernbedienung von Microsoft: Heute steuern sie auch PCs
Erfunden wurde die TV-Fernbedienung in den USA. 1948 gab es ein erstes kabelgebundenes Gerät, mit dem sich aber nur der Bildausschnitt vergrößern ließ. 1950 präsentierte die Firma Zenith die erste Fernsteuerung mit dem richtungsweisenden Namen "Lazy Bones" (deutsch: Faulpelz). 1955 folgte die erste drahtlose Steuerung per Lichtsignal namens "Flashmatic". Sie war technisch noch nicht ausgereift - zu oft setzte das Tageslicht den Fernseher in Gang - und wurde 1956 durch eine Ultraschall-Fernbedienung ersetzt. Das Modell "Space Command" wurde von dem emigrierten Österreicher Robert Adler konzipiert.

In Deutschland setzte sich die Fernbedienung etwas langsamer durch. "1956 bot die Firma Tonfunk die Kabelsteuerung 'Zauberschalter' an", erinnert sich Museumsleiter Walther. 1959 gab es die ersten Ultraschall-Fernbedienungen - noch recht klobige Kästen, mit zwei Metallstangen, die in Schwingung versetzt wurden. Diese Geräte spielten nach Ansicht von Walther aber "noch keine große Rolle".

Entwicklung zur Zapper-Mentalität

"Die Fernbedienung war in der Mitte der 70er Jahre technischer Standard. Aber erst mit der größeren Programmvielfalt seit Einführung der Privatsender Mitte der 80er Jahre und später durch das Kabelfernsehen entwickelte sich die Zapper-Mentalität", sagt Roland Stehle, Sprecher der Gesellschaft für Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik (gfu). Nach gfu-Schätzungen vagabundieren in deutschen Haushalten gegenwärtig 120 Millionen Steuerungen - die für Videorekorder, HiFi-Anlagen und DVD-Geräte eingerechnet.

Heutzutage auch im Auto: Geräte steuern, ohne sich zu strecken
Nach Angaben des Hamburger B.A.T Freizeit-Forschungsinstituts nutzen über drei Viertel der TV-Zuschauer allabendlich die Fernbedienung, fast jeder Dritte zappt durchschnittlich fünfmal am Abend zwischen den Programmen hin und her, jeder Zehnte zappt sich pro Abend mindestens neun Mal durch die Kanäle. Die B.A.T-Forscher gehen davon aus, dass die Sender auf die gewandelten Freizeit- und Fernseh-Gewohnheiten der Zuschauer mit "Fast-Food-TV", also immer kürzeren Sendeformaten, reagieren werden.

In Zukunft wird die Fernbedienung nach Ansicht von gfu-Sprecher Stehle "noch an Bedeutung gewinnen. Wir stehen erst am Beginn des MHP-Zeitalters (Multimedia-Home-Platform), in dem der Computer mit der klassischen Heimelektronik vernetzt wird." Entsprechend modern seien künftig Fernbedienungen konzipiert. "Junge Leute können mit Softkeys umgehen, also Tasten mit mehrfacher Funktion, während ältere Semester eher ein schlichtes Modell mit vier Knöpfen bevorzugen."

Als Kulturtechnik ist die Fernbedienung sogar Gegenstand philosophischer Betrachtungen geworden. Für den ungarischen Kulturwissenschaftler József Tillmann ist sie, "insbesondere in ihren schlankeren Varianten, direkt mit dem Faustkeil und dem Zauberstab verwandt". Tillmann spricht vom "Zepter der Neuzeit", denn: "Mit einer Fernbedienung in der Hand kann sich jeder Mensch auf dem Gipfel seiner Macht fühlen. Auf ein Winken seines elektronischen Zepters können Welten vergehen und wieder auferstehen."

Der Medienwissenschaftler Klaus Kreimeier kommt zu dem Schluss: "Mit dem 'Zapper' sitzt ein neuer Rezipiententypus auf der Couch: Ein Flaneur des Bilder-Universums und Medien-Vagabund, der sich in Deutschland seit Beginn der 90er Jahre durch etwa 30 Programme frei bewegen kann."

Peter Leveringhaus, ddp

© manager magazin 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH