Von Maren Hoffmann
Hamburg - Für einen Firmengründer, der sich neu zwischen etablierter Konkurrenz positionieren muss, gibt sich der 55-jährige Ivica Maksimovic erstaunlich zurückhaltend. "Wir wollen niemandem etwas wegnehmen", sagt der Professor für Kommunikationsdesign, der mit dem Uhrenspezialisten Peter Nikolaus (50) die Uhrenmanufaktur Zeitwinkel gegründet hat.
Das Geschäftsmodell der Uhren-Aficionados ist schlicht: " Wir bauen eine auch im Preis anspruchsvolle Uhr", sagt Nikolaus, der Vertrieb und Technik betreut. Maksimovic ergänzt: "Wir wollen eine Marktlücke generieren - Ehrlichkeit und Nachhaltigkeit. Wir wollen eine Uhr aufbauen, die eine Tradition haben wird. Wie damals die Gründerväter in der Schweiz."
Ist das nicht ein etwas waghalsiges Unterfangen inmitten der Finanzkrise? Die kleine, aber feine Uhrenmanufaktur Montres Villemont etwa, gerade erst vor zwei Jahren gegründet, musste im Januar dramatischer Umsatzeinbußen halber Konkurs anmelden, und die großen Hersteller haben ebenfalls mit drastischen Rückgängen zu kämpfen.
Das ficht die beiden Saarländer nicht an. "Klar ist der Markt aufgeteilt - in den Köpfen der Marketingstrategen", macht sich Maksimovic Mut, "das ist eine Parallelwelt zur Realität." Und dann blitzt bei dem leisen Feingeist doch Kampfeslust auf: "Sie müssen sich das vorstellen wie bei den Sauriern und den Säugetieren. Der Meteor hat eingeschlagen, der Sauerstoff wird knapp." Wer auf die neuen Bedingungen optimal reagieren könne, werde halt zu den Siegern zählen.
"Die Krise spielt uns in die Hände", behauptet Nikolaus, "in der Boomphase war das Personal nicht knapp; es war nicht verfügbar. Durch die Krise finden wir die Leute, die wir brauchen." Produziert wird im schweizerischen St-Imier in einer ehemaligen Zifferblattfabrik.
Ab dem dritten Quartal dieses Jahres soll es vier schlichte Grundmodelle in zwei Farben zu kaufen geben: Schwarz und Weiß, zu Preisen ab 8000 Euro. Das Werk, für dessen Grossdatum ein Patent angemeldet ist, entwickelte der Uhrmacher Laurent Besse, der schon für die Chronographenhersteller Maurice Lacroix und Cartier tätig war. Die betont schlichte Gestaltung und die Preislage der Uhren erinnern nicht von ungefähr an die Chronometer der renommierten Manufaktur Glashütte Original.
Kulturbeutel im Internet
Alle Komponenten der Zeitwinkel-Uhren werden in der Schweiz gefertigt, das Gehäuse in Deutschland. Die Firma, im vergangenen Jahr gegründet, hat ein Aktienkapital von einer Million Schweizer Franken. "Es ist sehr aufwendig, eine neue Uhr zu entwickeln," sagt Nikolaus, " man beschließt das nicht aus blauem Himmel. Die Entscheidung wächst über Monate."
Wichtig sind Nikolaus an den fertigen Prototypen vor allem dezente Details: So sind die Hörnchen, die den Anschluss für das Armband halten, nicht, wie sonst üblich, ins Gehäuse integriert, sondern werden einzeln produziert und anmontiert. Nur so ist die dezente Schmuckfräsung an den Außenseiten des 42,5 Millimeter durchmessenden Gehäuses möglich.
"Jeder Controller hätte uns das um die Ohren gehauen", meint Nikolaus, "da wird oft der letzte kreative Optimismus herausgespart." Platinen und Brücken der Uhren sind aus Neusilber, einer Legierung aus Kupfer, Nickel und Zink, die besonders verschleißarm ist , aber sichtbar altert: "Die Uhren reifen mit dem Besitzer", sagt Nikolaus.
Auf der Internetseite von Zeitwinkel sucht man allerdings eines vergebens: Bilder von Uhren. Spätestens beim Webauftritt wird deutlich, dass die Zeit-Genossen der neuen Firma ganz anders ticken als die Konkurrenz. "Wir wollen sehr zeitgenössisch über die Zeit nachdenken", sagt Maksimovic. Philosophen, Autoren, Designern und Künstlern wird auf der Seite ein Forum geboten, in dem sie sich mit dem Phänomen Zeit auseinandersetzen - ein kurzweiliger "Kulturbeutel", wie Maksimovic das Projekt getauft hat. Der Inhalt der Seite wechselt im gemütlichen Stundenrhythmus, Zugriffe auf vergangene Stunden sind erst tags darauf wieder möglich - ein bewusst gesetzter Kontrapunkt zur zeitlich unbegrenzten Verfügbarkeit von Informationen, eine kleine Feier der Zeit und der Muße.
© manager magazin Online 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH