Von Cai Brockmann
Längst befinden wir uns im Stadtgebiet, doch die Natur blüht so üppig, als ob sie die breite Zufahrtsstraße schon bald überwuchern wollte. Bäume und Sträucher, komplette Gärten leuchten um die Wette, protzen in allen nur denkbaren Schattierungen von Frühsommergrün.
Nach dem Einbiegen in die erste Seitenstraße werden manche Schatten so lang, dass es einfach auffallen muss: Grundstücksmauern und sichtdichte Hecken mit Präzisionsschnitt wachsen hier höher als noch vor ein paar Minuten. Dafür sind die Anwesen - meist nur mit langem Hals erkennbar, wenn überhaupt - flacher und raumgreifender. Davor parken schicke Cabriolets und blitzblanke Mini Coopers; lauter Viertwagen und Abiturgeschenke, die in rangierfreundlichen Abständen auf den nächsten Ausritt warten.
Wer in dieser Gegend wohnt, kennt sich mit Golfplätzen und Schutzgitterfenstern aus, weiß zuverlässiges Gartenpersonal zu schätzen und pflegt das "Sie" unter Nachbarn. Showgrößen residieren neben altem Schwerindustrieadel, Freiberufler, Fondsmanager und Prokuristen führen Smalltalk durch handgeschmiedete Eisenzäune hindurch. Das Wohngebiet schmückt sich sogar hier und da mit extravaganter Architektur.
Doppelstockvilla mit Zweitküche
Zum Beispiel mit diesem blütenweißen, ziemlich kubistischen Gebäude vor uns. Wir müssen also gleich am Ziel sein, denn in Rufnähe zum Exotenwürfel ankert die eher traditionelle Doppelstockvilla unseres heutigen Gastgebers - ein Neubau, der nicht wie ein Neubau wirkt.
Zwei Tore zur linken und rechten Seite des Grundstücks leiten eine halbkreisförmige Auffahrt, die locker ohne knirschenden Kies auskommt, zum Haupthaus. Dort steht die Dame des Hauses bereits in der offenen Eingangstür und heißt uns aufs Herzlichste willkommen.
Ein breiter, heller Flur führt mitten hinein in die stattliche Villa. Linkerhand schimmert eine geräumige, moderne Einbauküche in tiefem Rot, der Raum direkt gegenüber wird dominiert von - nanu? - einer zweiten, offenen Küche!? Na klar, begrüßt uns nun auch Herr S., mit bester Feierabendlaune und einer durchaus stattlichen Statur gesegnet. Das doppelte Kochstudio war seine Idee. Der lebenslustige Hausherr greift gern selbst zu Schürz und Gewürz; zumindest, wenn es die freie Zeit erlaubt und das Haus wieder einmal voller Gäste ist. Da sind zwei komplett ausgestattete Küchen natürlich vorteilhaft.
Überhaupt mag sich der Vorstandsvorsitzende eines alteingesessenen mittelständischen Industrieunternehmens - "die Geschäfte laufen gut" - grundsätzlich nichts Kleinliches nachsagen lassen. Das gilt insbesondere auch für seine Hobbys. Während jedoch das Lukullische im Hause S. geradezu unübersehbar ist, kommt das Cineastische erst auf den zweiten Blick zum Vorschein. Dann aber umso selbstbewusster. Und nicht immer dort, wo es zu erwarten wäre. Die große Abzugshaube in der offenen Zwillingsküche zum Beispiel ist mit einem imposanten Flachbildschirm bestückt, gut einsehbar vom massiven Esstisch aus. Zum vollwertigen Frühstück gehört für Herrn S. nämlich auch der erste Nachrichtenüberblick. Müsli und Multimedia in Maximalqualität als Morgenmotto.
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