Sonntag, 18. November 2018

Warum Manipulation besser ist als ihr Ruf Manipulier mich!

Manipulation hat einen schlechten Ruf. Sofort denkt man an hinterhältige Angriffe auf die Selbstbestimmtheit, an willenlose Marionetten. Doch das ist nicht alles. Die Beeinflussung kann auch einen Zauber haben, der uns neue (Selbst-)Erkenntnisse verschafft.

Illusionen: Bühnenkünstler wie der Magier Zardo manipulieren uns - und wir haben Freude daran

Ein Abendessen im kleinen Kreis. Unter den Gästen: ein professioneller Zauberer. Mittendrin zieht der Mann ein Kartenspiel aus der Tasche, mischt es routiniert durch und lässt mich eine Karte ziehen. "Merk sie dir", sagt er, den Blick zur Seite abgewandt. Er mischt erneut die Karten, einmal, zweimal, und fordert mich auf, die nun verdeckt zuoberst liegende zu ziehen. Ich drehe sie um. Es ist meine Karte. Kollektives Gelächter, "Oh"- und "Ah"-Rufe. Doch der Typ ist noch nicht fertig mit mir. Er bittet mich um meinen Ring, und ich lege das Erbstück vertrauensvoll in seine Hände. Der Illusionist reibt die Handflächen aneinander, einmal, zweimal, und der Ring ist verschwunden. "Ja, wo ist er denn?", sagt er, grinst scheinheilig, und während unsere Augen noch hochkonzentriert seinen scheinbar erratischen Suchbewegungen folgen, zieht er nebenbei seinen Schlüsselbund aus der Jackentasche. Da hängt das Schmuckstück - ordentlich in den Schlüsselring eingefädelt. "Das gibt's nicht!", höre ich mich sagen.

Ich glaube nicht an Zauberei. Und doch habe ich mich manipulieren lassen. Ich habe es so gewollt; ich wusste, worauf ich mich einließ. Das ist leider nicht immer so. Manipulation ist ja nicht auf magische Showeffekte beschränkt. Sie durchdringt unseren Alltag, mischt in Beziehungen und in der Politik mit, dominiert Werbung wie Social Media. Öfter, als mir lieb ist, falle ich auf sie herein. Wer immer mich manipuliert, scheint meine Rationalität und Selbstbestimmtheit zu beleidigen. Doch ist Manipulation deshalb immer unmoralisch? Diese Frage möchte ich klären.

Wenn ich eine schöne Frau auf Instagram sehe, quittiere ich ihr Bild mit einem Herzen. Wenn ich eine Rede von Emmanuel Macron höre, denke ich, dass dieser kultivierte Mensch ein wohlmeinender Politiker ist. Wenn mir eine als "Must-Have" beworbene Handtasche ins Auge sticht, will ich sie haben. Und wenn mein Partner beim Frühstück zu mir spricht: "Dieser Toast ist in groteskem Ausmaß verbrannt", sehe ich mich zu Schuldgefühlen veranlasst. Ich kann nicht anders. In jedem Fall verhalte ich mich weniger vernünftig, als es meiner Vorstellung von mir entspricht.

Hohe Luft
Ausgabe 5/2018

Philosophie und Wirtschaft

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Verbale wie nonverbale Manipulationsformen unmoralisch zu finden, ist eine Art Volkssport. Warum eigentlich? Wer erfolgreich manipuliert, übt weder Zwang noch Gewalt aus. Er steuert das Denken, Fühlen, Wollen und Tun anderer vielmehr indirekt, unmerklich - und bedient sich dabei bewusst oder unbewusst bestimmter psychologischer, rhetorischer, atmosphärischer Strategien; vom Appell über Blumenbouquets bis zum Aromaöl.

Das lateinische Wort "Manipulus" ("eine Handvoll") war ursprünglich die Bezeichnung für ein Quantitätsmaß. Im Mittelalter hieß "manipulare" schlicht "handhaben" und "an der Hand führen". Bis ins 19. Jahrhundert steht der technische Aspekt der Manipulation im Vordergrund; in Diderots "Enzyklopädie" (1751-1765) wird sie als besondere Kunst Chemikern und Apothekern zugeschrieben.

Erst im 20. Jahrhundert erhält der Begriff seinen bis heute charakteristischen anrüchigen Beigeschmack. Behavioristen wie der amerikanische Psychologe B. F. Skinner, die menschliches und tierisches Verhalten naturwissenschaftlich untersuchen, psychologisieren den Begriff und ordnen ihn dem Kontext von Konditionierung, Programmierung und Kontrolle ein. Kritiker befürchten nun, dass die von Skinner anvisierte "Verhaltenstechnologie" die Freiheit und Würde des Menschen bedrohen könnte.

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