Sonntag, 24. März 2019

Diversity im Kleiderschrank Langsam reicht es mit dem Casual-Dogma!

Stilberatung: Diversity im Kleiderschrank
AFP

Katharina Starlay
  • Copyright: Wala Heilmittel / Stephanie Schweigert
    Wala Heilmittel / Stephanie Schweigert
    Katharina Starlay ist Modedesignerin, Imageberaterin und Mitglied im Deutschen Knigge-Rat. In Vorträgen, Seminaren und individuellen Beratungen coacht sie rund um Kleiderstil und Businessknigge. Seit 2002 berät sie auch Unternehmen für deren Außenauftritt und entwickelt Stil-Leitfäden sowie Firmenkleidung. Sie schreibt Bücher (zuletzt als Hörbuch erschienen: Der Stilcoach für Männer) und publiziert über Stilthemen: Starlay.de.

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Sie wollten sich einfach nur ein bisschen schön machen: Heute mal Rock statt Hose, etwas mehr Absatz und ein passendes Oberteil. Damit kamen die Teamkolleginnen aber nicht weit auf dem Firmenflur. "Sind wir hier etwa auf dem Catwalk?" konstatierte schnippisch die Vorgesetzte. "Was habt ihr denn heute vor?" brummte verlegen der Kollege. Im Vergleich wirkt seine tief sitzende Jeans auf einmal lappig statt lässig und der heiß geliebte Sneakers ausgetreten statt kultig.

Wie weit darf die Casualisierung gehen? Taugt sie als Messlatte für einen modernen Look?

Stil-Banausen gegen Lifestyle-Victims. Das ist es, was in vielen Unternehmen aktuell gespielt wird, auf den Nebenschauplätzen der Positionierungen. Nur wer ist wer? Jahrelang haben dezidierte, oft ungeschriebene Bekleidungsvorschriften dafür gesorgt, dass sich Menschen auf ihre Arbeit konzentrieren konnten und keinen Gedanken darauf verwenden mussten, ob sie nun passend gekleidet sind oder nicht. Auch die Krawatte hat Generationen von Managern als stilistische Sicherheit gedient. Heute muss sich - wer sie trägt - beinahe dafür entschuldigen.

Sind die Anhänger der konservativen Kleiderkultur, die sich in der Vergangenheit bewährt hat, nun die Wächter des Stils oder dessen Opfer?

Kürzlich schrieb mir die Leserin oder der Leser eines Interviews in einer überregionalen Zeitung, diese Worte von seiner anonymen E-Mail-Adresse: "Hallo, in welchen Sphären schweben Sie denn? Haben Sie jemals eine ganz normale Weihnachtsfeier in einer ganz normalen Firma erlebt? Sicher nicht, denn sonst würden Sie nicht so einen Quatsch erzählen! "Business Casual bis Smart Casual"? Lächerlich…"

Okay... … in einer "ganz normalen" Firma ist geschäftsübliche Kleidung diesem Leser nach also keine Option und sich bewusst etwas schick zu machen vollkommen lächerlich - ohne Absender, Gruß oder ein anderes Anzeichen von ziviler Höflichkeit.

Der Dresscode allerdings bezieht sich immer auf eine Firma oder Branche. So ist "Daily Business" zum Beispiel in einer Werbeagentur etwas ganz anderes als in einer Bank. Oder gerade nicht mehr? Wenn in einer Firma nur und stets Jeans und Sneakers getragen werden, gibt es natürlich nur noch wenig Spielraum, das noch lässiger zu stylen …

Aber es gibt auch kein Argument, Menschen verbieten zu wollen, sich für andere und sich selbst ein bisschen chic zu machen. Auch international genießt der durchdachte Auftritt ein besseres Ansehen als gerade bei uns in Deutschland: Italiener oder Franzosen etwa interessieren sich durchaus für den Chic ihrer Geschäftspartner.

Abgesehen von der Aussage einer anonym versandten Nachricht über den Sender selbst ist es also alles eine Sache der Betrachtung und des Blickwinkels.

Buchtipp

Katharina Starlay
Stilgeheimnisse:
Die unschlagbaren Tricks und Kniffe für erfolgreiches Auftreten

Frankfurter Allgemeine Buch; 224 Seiten; 17,90 Euro

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Sind die Anhänger der neuen lässigen Kleiderkultur, die sich noch bewähren muss, nun Wächter des Zeitgeistes oder dessen Opfer?

Wer sich für Kleidung, Anlässe und die Lust am Style persönlich nicht interessiert, muss noch lange nicht zum Dresscode-Hater werden. Denn wenn Casual zum Zwang wird, gerät die hippe Lässigkeit zur Farce: Es kann nicht sein, dass Menschen, die sich gerne sorgfältig kleiden, spöttische Bemerkungen einstecken müssen. Toleranz und Coolness fangen genau hier an.

Genau diese Toleranz wäre auch ein paar gute Vorsätze fürs neue Jahr wert. Hier ein paar Vorschläge:

Ein wirklich souveräner Kleiderschrank hat Klamotten für verschiedene Anlässe parat und klammert besondere Events und die damit verbundene Wertschätzung nicht aus.

In der Stilfrage wird nicht bewertet, Vielfalt gehört dazu. Nur die Botschaften, - die bleiben.

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