Freitag, 26. August 2016

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Die Faszination exakter Miniaturen Die Anwältin, die ihren Job aufgab, um winzige Möbel zu bauen

Miniaturen: Die winzige Welt der Emily Boutard
Fotos
www.littlearchitecture.com

Die australische Rechtsanwältin Emily Boutard, 28, gab ihren Job auf, um mehr Zeit für die kleinen Dinge des Lebens zu haben. Die ganz kleinen. Boutard baut historisch exakte Miniaturen im Winzformat.

mm.de: Woran arbeiten Sie gerade, Frau Boutard?

Boutard: In den vergangenen Tagen habe ich eine Miniaturvioline mit Bogen gebaut. Dieses Projekt war eine meiner größten bisherigen Herausforderungen! In diesem Jahr arbeote ich außerdem an einer extakten Miniatur eines Kolonial-Fertighaus-Cottages. Dieses Modell ist von 1833. Solche Häuser baute man damals für Siedler, die aus Großbritannien nach Australien kamen. Die Pläne und Details habe ich in einem Buch von 1833 gefunden: Loudon's Encyclopedia of Cottage Farm and Villa Architecture. Ich bin jetzt halb fertig, man kann die Fortschritte auf Instagramm verfolgen. Für mich war das eine großartige Art, mehr über die Kolonialarchitektur meines Landes zu lernen und die Struktur dieser Gebäude zu verstehen.

Boutard: Außerdem helfe ich einer aus Deutschland stammenden Künstlerin, die mittlerweile in Australien lebt, bei einer Installation für die Biennale in Venedig. Ich baue ein 1:20-Modell der großen Halle eines venezianischen Palazzo, das sie fotografieren und immer wieder neu inszenieren wird. Es geht dabei um die Macht der Illusion und den Wandel der Inneneinrichtung über die Jahrhunderte.

mm.de: Klingt spannend. Aber eigentlich sind Sie doch Anwältin, oder?

Boutard: Ja, ich habe ein paar Jahre in Melbourne als Anwältin in einem Unternehmen gearbeitet. Ich habe den Beruf geliebt, weil er intellektuell anspruchsvoll und interessant ist. Aber ich musste immer lange arbeiten und hatte nie genug Zeit, außerhalb der Arbeit irgendetwas Produktives zu tun. Vor allem war ich immer zu müde, Miniaturen zu bauen. Also habe ich mich entschieden, den Anwaltsjob sausen zu lassen. Ich habe das nie bereut. Zwei Jahre lang habe ich dann Architektur studiert. Jetzt habe ich genug Freizeit und Energie für meine winzigen Möbel. Und das nötige Geld kommt dadurch herein, dass ich in Melbourne Jura unterrichte und in Teilzeit für das Startup Lawadvisor arbeite. So behalte ich einen Fuß in der Tür und halte mir berufschancen offen. Als Anwältin kann ich mit Teilzeitarbeit genug Geld verdienen, um mich über Wasser zu halten. Ich bin glücklicher und deutlich weniger gestresst. Es läuft wirklich gut.

mm.de: Was ist aus dem Architekturstudium geworden?

Boutard: Im Moment habe ich neben den Miniaturen dafür keine Zeit mehr, auch weil ich immer mehr professionelle Aufträge dafür bekomme. Aber ich werde das Studium trotzdem noch abschließen, und dann würde ich gerne in Teilzeit an der Konservierung und Restaurierung historischer Gebäude arbeiten. Ich liebe moderne Architektur, aber Gebäude mit Geschichte faszinieren mich - der Wandel, den sie durchmachen, wenn Leute sie immer wieder neu ihren Bedürfnissen anpassen. Ich werde wohl eher nicht die Architektin sein, die den nächsten Rekordwolkenkratzer baut. Ich würde eher umherspazieren und mich in die Details und die Historie der Häuser vertiefen, die schon dort stehen.

mm.de: Seit wann interessieren Sie sich für Miniaturen?

Boutard: Schon seit ich ein Kind war, habe ich Miniaturen und Puppenhäuser gesammelt. Über die Jahre entwickelte sich eine echte Obsession daraus, der ich jetzt nahezu in Vollzeit nachgehe. Als Teenager schon habe ich Architekturmodelle und Puppenhäuser gebaut, aber erst als Jurastudentin wurde es mir richtig ernst damit. Ich aber das aber lange nicht als möglichen Berufsweg gesehen, jedenfalls nicht, bis ich mit dem Architekturstudium angefangen habe.

mm.de: Was ist so faszinierend an Miniaturen?

Boutard: Kleine Dinge sind so faszinierend anzuschauen! Sie werden gebaut, um einen Kindheitstraum zu erfüllen oder aber um neue oder klassische Innengestaltungen zu erforschen. Im Moment ist der französische Provinzschick in der Shabby-Version in der Puppenhauswelt schwer angesagt - wird aber allmählich verdrängt von einem New-York-City-Hipster-Minimalismus. Wie die große Welt wird auch die kleine Welt der Miniaturen von Modeströmungen bewegt, die entscheiden, was Leute herstellen und was sie sammeln.

Ich habe schon eine Reihe Stile durch, vom skandinavischen Midcentury bis zum viktorianischen und georgianischen. Ich bin besonders an Architekturgeschichte interessiert und lege großen Wert darauf, dass meine Miniaturen historisch exakt sind. Im Moment liegt mein Fokus auf australischer Kolonialarchitektur.

mm.de: Können Sie davon leben?

Boutard: Derzeit nicht. Es ist eine Passion. Meine Brötchen verdiene ich mit dem Uni-Job.

mm.de: Haben Sie deutsche Kunden?

Boutard: Ja. Deutschland ist ja die Wiege der modernen Puppenhauskunst - und zwar sowohl als Dekorationsobjekte als auch als massengefertigtes Spielzeug. Ich habe eine Sammlung antiker deutscher Puppenhausmöbel, 150 Jahre alt und älter, und ich liebe sie einfach. Ich habe extra genug Deutsch gelernt, um bei deutschsprachigen Ebay-Auktionen mitbieten zu können.

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