Sonntag, 25. Juni 2017

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Eine Polemik wider den asketischen Furor Warum Luxus Zivilisation bedeutet

Verfeinerung der Esskultur auf die Spitze getrieben: Diese Praline steckt in einem mit einem siebenkarätigen Diamanten versehenen Halter. Das hat mit archaischen Hungergefühlen nicht mehr viel zu tun.

Luxuskritik begleitet die westliche Zivilisation seit ihren Anfängen. Wer könnte ihr nicht zustimmen? Von welcher Seite man es auch betrachtet, der Luxus scheint es seinen Verteidigern schwer zu machen: Materiell Verkörperung des Überflüssigen und Unnützen, moralisch Symptom der Dekadenz und sozial sichtbarer Ausdruck der Klassenherrschaft scheint er ein zivilisationsfeindliches Element par excellence zu sein. Wo der Luxus herrscht, ist etwas fundamental falsch gelaufen.

Gefunden in
Der blaue Reiter
Ausgabe 36 - Luxus

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Wo ihm der Boden entzogen wird, halten Vernunft und Gerechtigkeit Einzug. Luxuskritik, so scheint es, ist Common Sense. Verdanken wir nicht, Max Webers Analyse des neuzeitlichen Rationalisierungsprozesses folgend, den Wohlstand der westlichen Welt jenem "Geist des Kapitalismus", der von einer calvinistisch geprägten protestantischen Arbeitsethik angeschoben wurde, und zu dessen Credo die "innerweltliche Askese" gehört? Diese, so Weber, wirkte "mit voller Wucht gegen den unbefangenen Genuss des Besitzes, sie schnürte die Konsumtion, speziell die Luxuskonsumtion ein". Vor allem die aus der feudalen Welt überkommene "Wertschätzung der als Kreaturvergötterung verdammlichen ostensiblen (das heißt den zur Schau gestellten) Formen des Luxus" galt es zu verabschieden.

Die ökonomischen Energien unserer Gesellschaft, so könnte man folgern, verdanken wir der Unterdrückung des Luxus.

Ist Askese also ein Motor des Fortschritts und Luxus eine Zivilisationsbremse? Sollen wir die Paläste, Villen, Kathedralen abreißen? Teure Stoffe nur für gesellschaftlich nützliche Zwecke verwenden? Aus Pelzmänteln Decken für die Dritte Welt, aus überflüssigem Schmuck Goldplomben fertigen? Trüffel und Kaviar für die unermüdlich wirkenden Rot-Kreuz-Helfer reservieren, die sich um die Humanität verdient gemacht haben? Es klingt so wunderbar vernünftig und einsichtig.

Luxus ist ein wesentlicher Teil unserer Zivilisation

Und irgendwie doch nicht. Warum sollte uns dabei ein ungutes Gefühl beschleichen? Vielleicht, weil wir uns eine Welt ohne die Schönheit und den Reichtum der Paläste und Kathedralen, ohne modische Accessoires und Design, ohne Genuss und Bequemlichkeit, sprich ohne Luxus irgendwie nicht vorstellen mögen. Weil wir nicht in Nordkorea und auch nicht in der Welt von Mr. Gradgrind leben wollen, "a man of realities", wie ihn Charles Dickens in Hard Times nennt, der unser Leben auf nützliche Fakten beschränken will. Weil wir intuitiv spüren, dass Luxus kein überflüssiger, sondern ein wesentlicher Teil unserer Zivilisation ist.

Luxus, der über die reine Sinnlichkeit hinausweisen soll: Die prächtige Kathedrale von Reims
Der Zusammenhang zwischen Luxus und Zivilisation wird gerade in jener umfassenden Luxuskritik sichtbar, die sich in der Form des asketischen Furors zur Stimme der Moral, der Natürlichkeit und Authentizität macht. Hier spricht das Reich des Guten gegen die entfremdete menschliche Natur. Aber Vorsicht! Gerade hier wird der Sack geschlagen und der Esel gemeint.

Hinter der Ablehnung des Luxus lauert das Ressentiment gegen die Zivilisation selbst. Der asketische Furor hat sich häufig mit dem Mäntelchen der Moral umgeben, dabei aber immer wieder ein zerstörerisches, antizivilisatorisches Potenzial entfaltet.

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