Donnerstag, 24. Mai 2018

Eine Polemik wider den asketischen Furor Warum Luxus Zivilisation bedeutet

Verfeinerung der Esskultur auf die Spitze getrieben: Diese Praline steckt in einem mit einem siebenkarätigen Diamanten versehenen Halter. Das hat mit archaischen Hungergefühlen nicht mehr viel zu tun.

6. Teil: Das Trio von Liebe, Luxus und Kapitalismus

Auch nicht alle Soziologen und Ökonomen haben dies getan. Und hier fällt unser Blick auf einen Zeitgenossen Webers, der in bemerkenswerter Weise sowohl die zivilisatorische wie die ökonomische Bedeutung des Luxus erkannte.

Werner Sombarts 1913 erschienene Schrift Luxus und Kapitalismus, deren ursprünglicher Titel Liebe, Luxus und Kapitalismus lauten sollte, entstand als Nebenprodukt seiner Kapitalismustheorie und hat doch alle Chancen, diese in ihrer Bedeutung zu überleben.

Wie Elias in seiner Zivilisationstheorie, so setzt auch Sombart im späten Mittelalter an, bei Entwicklungen, die mit der höfischen Gesellschaft beginnen und später in die bürgerliche Gesellschaft übergehen. Dazu zählen die Entstehung sozialer Zentren wie Hof und Großstadt, in denen sich eine urbane Alltagskultur entwickeln und der Luxuskonsum sich konzentrieren konnte; die exponentielle, durch koloniale Ausbeutung geförderte Entstehung privaten Reichtums; und schließlich die Heranbildung einer neuen sozialen Schicht, dem "neuen Adel", der aristokratische Position mit bürgerlichem Geldvermögen verbindet.

Es ist eine Entwicklung, die an den Renaissancehöfen Italiens beginnt, im Spanien des 16. und 17. Jahrhunderts fortgeführt wird und im französischen Absolutismus ihren Höhepunkt erlebt. Sie legt das Fundament für einen erweiterten Luxuskonsum und damit für eine Verfeinerung der Lebens- und Alltagskultur.

Verfeinerung der Alltagskultur: Man kann eine tadellos funktionierende Uhr als Gratis-Dreingabe für ein Zeitschriftenabo bekommen - oder aber satte fünf Millionen Dollar für eine diamantbesetzte Hublot-Damenuhr ausgeben. Bei Sombart ist die Frau prägend für den "esprit de finesse".
Nicht ganz zufällig ist, dass diese Entwicklungen literarisch und philosophisch auch von der europäischen Moralistik reflektiert werden. Die Moralisten, Beobachter und Kritiker von Lebensformen und sozialen Dispositionen, waren vor allem eins: scharfsinnige Kommentatoren der zeitgenössischen Zivilisation.

Die Moralistik geht in ihrer Entwicklung den gleichen geografischen, von Sombart skizzierten Weg: von den italienischen Fürstenhöfen über Spanien bis in die französische Klassik, wo auch sie zur Blüte gelangt.

Sombart war diese Tradition vertraut und er zitiert aus ihr. Hat sie doch, in ihrer französischen Variante, jenes Verhaltensideal des honnête homme entwickelt, in dem sich die neue Lebenskultur idealtypisch spiegelt. Der honnête homme ist der mit esprit de finesse, mit ästhetischem und sozialem Feinsinn ausgestattete "Mann von Welt". Er weiß, wie er sich benehmen, wie er sich kleiden und wie er Konversation halten muss. Nicht zuletzt weiß er, wie er sein Geld ausgeben soll.

Verziertes Faberge-Ei: Endlose Handwerksstunden, mehr als ein Kilo Gold und Hunderte von Edelsteinen waren nötig, um dieses Prunkstück herzustellen, dessen einziger Zweck es ist zu prunken.
Dies verdankt er seinem weiblichen Pendant, das in Sombarts Luxustheorie eine entscheidende Rolle spielt. Denn die Hefe, die aus diesem Amalgam sozialer und ökonomischer Entwicklungen den Luxuskonsum sich entfalten lässt und die Verfeinerung der Alltagskultur vorantreibt, ist bei Sombart die Frau.

Genauer gesagt: jener weibliche Typus, der sich von der Hofdame über die Kurtisane zur gebildeten Salondame der französischen Klassik ausprägt. Sie verbindet die Kultur der freien "illegitimen" Liebe mit einem ausgeprägten Sinn für sozialen Takt und stilvolle materielle Ausstattung. Sie regt den Luxuskonsum als eine neue, vom esprit de finesse geprägte Lebensform an.

Dies betrifft die Möblierung der entstandenen Stadtpaläste ebenso wie die Normen der Kleidermode oder den Genuss teuren Gebäcks. Es betrifft aber auch die Inszenierung der Schönen Künste, sei es in den höfischen oder städtischen Theatern, sei es in den Salons. Die galante Dame von Welt, wie wir sie nennen könnten, kanalisiert die Ausgaben ihrer vermögenden Liebhaber.

© manager magazin 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH