Donnerstag, 16. August 2018

Eine Polemik wider den asketischen Furor Warum Luxus Zivilisation bedeutet

Verfeinerung der Esskultur auf die Spitze getrieben: Diese Praline steckt in einem mit einem siebenkarätigen Diamanten versehenen Halter. Das hat mit archaischen Hungergefühlen nicht mehr viel zu tun.

5. Teil: Es muss irgendwie glänzen

Wenn wir uns also als Teil einer Zivilisation verstehen, so meinen wir, dass die "Realitäten", die uns umgeben, in eine bestimmte repräsentative Form gebracht oder mithilfe einer solchen wahrgenommen werden.

Es ist die Form unseres Zusammenlebens, die Form der politischen Abläufe, das Gesicht unserer Städte oder die Art unserer Kleidung, mit denen wir uns zivilisatorisch kenntlich machen. "Genau besehen", so Norbert Elias, "gibt es beinahe nichts, was sich nicht in einer 'zivilisierten' und in einer 'unzivilisierten' Form tun ließe." Zivilisation ist die Glasur, mit der wir unser gesellschaftliches Leben überziehen. Es muss, so könnte man sagen, irgendwie glänzen.

"Zivilisierte Formen" im Sinne Elias' müssen sichtbar sein. Überall, wo "dargestellt" wird, wo zivilisatorische Formen über die Art der materiellen Ausstattung wahrnehmbar sein sollen, brauchen wir Luxus: Dekor, Kunst, Schmuck, teure Stoffe. Öffentliche Gebäude müssen repräsentativ gestaltet sein, öffentliche Zeremonien und symbolische Handlungen bedürfen einer ästhetischen und wahrnehmbaren Ausstattung, individuelle Selbstdarstellung bedient sich modischer Accessoires. Eine Kathedrale ist nicht ohne Grund voller Luxusgegenstände.

Inszenierung des Überflusses: Feierliche Eröffnung des Wiener Opernballs
Formale soziale Anlässe werden durch einen zeremoniellen Rahmen und durch ausgewählte Kleidung der Mitwirkenden sichtbar. Auch für die private Lebenskultur hat der Luxus eine stilbildende Funktion. Luxus ist eben nicht nur Luxus. Luxus gibt dem Stil und der Formensprache einer Zivilisation ein wahrnehmbares Gesicht.

Daher also sehen wir die Paläste, Kathedralen, die aufwändigen Zeremonien, die Eleganz der Mode mit Wohlgefallen, auch wenn wir nicht immer selbst Teil des Luxuskonsums sind. Unser Unbehagen gegen die asketische Reduktion unserer Welt hat uns nicht getäuscht. Wir wollen Luxus als notwendigen Teil unserer zivilisatorischen Umwelt.

Wer bezahlt die Rechnung?

Doch gehört Luxus nicht zu den Dingen, die wie die Kunst zwar wichtig, aber ökonomisch nutzlos sind? Deren Wert wir erkennen, bei denen wir aber drauflegen müssen, um sie uns leisten zu können? Hat nicht bei allem dennoch die These Webers Gültigkeit, dass ökonomischer Fortschritt auf Luxusverzicht beruht? Wenn dies aber nur die halbe Wahrheit wäre? Wenn nicht nur der Wohlstand den Luxus, sondern auch der Luxus den Wohlstand erzeugte?

Dass Luxus die wirtschaftliche Produktion ankurbelt, ist keine besonders neue, aber eine leider sehr vernachlässigte These. Sie findet sich bereits bei Denis Diderot, einem anderen genuss- und luxusfreundlichen Aufklärer. Im umfangreichen Artikel zum Thema in der von Diderot mit herausgegebenen Enzyklopädie wird die positive Einschätzung des Luxus mit dem engen und wechselseitigen Zusammenhang zwischen Luxusbedürfnis und gesellschaftlichem Wohlstand begründet: "Da der Wunsch, sich zu bereichern, und der Wunsch, den Reichtum zu genießen, in der Natur des Menschen liegen, seit er in der Gesellschaft lebt; da diese Wünsche die großen Gesellschaften erhalten, bereichern und beleben; da der Luxus ein Glück ist und von sich aus kein Unglück anrichtet - so darf man weder als Philosoph noch als Herrscher den Luxus als solchen angreifen."

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