Donnerstag, 16. August 2018

Eine Polemik wider den asketischen Furor Warum Luxus Zivilisation bedeutet

Verfeinerung der Esskultur auf die Spitze getrieben: Diese Praline steckt in einem mit einem siebenkarätigen Diamanten versehenen Halter. Das hat mit archaischen Hungergefühlen nicht mehr viel zu tun.

4. Teil: Der scheinbare Gegensatz zwischen Sein und Schein

Die reformatorische Luxuskritik hat jedoch mehr demoliert als nur die ästhetische Ausstattung von Kirchen.

Sie hat jene, tief in die kulturelle DNA der Deutschen eingedrungene und von Martin Mosebach so genannte "Häresie der Formlosigkeit" in Gang gesetzt, die das "oberflächliche" Äußerliche zugunsten des wahren und authentischen Inneren, den Dekor zugunsten von Schlichtheit oder die Formen des höflichen Benehmens zugunsten einer formlosen, aber "echten" Direktheit abwertet.

Hier liegt die Wurzel jener fatalen Dichotomie zwischen falschem "Schein" und wahrem "Sein", die immer wieder luxuskritische und lebensreformatorische Bewegungen inspiriert hat: so die Jugendbewegung des frühen 20. Jahrhunderts ebenso wie jene ökologisch angehauchten und modisch völlig unverdächtigen Träger von Birkenstocksandalen, die auf ökologische Reinheit schwören.

Übt heute noch Faszination aus: Der Philosoph Jean-Jacques Rousseau
Man verschmäht den Luxus, weil man das Künstliche und mit ihm die Form verachtet. Die Parole heißt: "Zurück zur Natur!" Richtig, wir sind bei Jean-Jacques Rousseau. Der im calvinistischen Genf sozialisierte Verfechter von Sittenreinheit und Natürlichkeit gab dem asketischen Furor den geistesgeschichtlich wirksamsten philosophischen Ausdruck.

Unsere Krankheit, so Rousseau, heißt Zivilisation und ihr Virus heißt Luxus. Wir befinden uns in einem Prozess des fortschreitenden Reinheitsverlustes: "Während die Annehmlichkeiten des Lebens zunehmen", so heißt es im ersten Discours von 1750, "die Künste sich vervollkommnen, der Luxus sich ausbreitet, wird die echte Tapferkeit entnervt, die militärischen Tugenden verschwinden." Man weiß, dass Rousseau immer nach Sparta geschielt hat: auf die genuss- und luxusfreie Militärdiktatur. Und mit dem sicheren Instinkt des Asketen hat er auch richtig bemerkt, dass Künste und Luxus zusammengehören.

Luxus als Strafe

Wo Wissenschaft, Kunst, Luxus und verfeinerte Umgangsformen ins Spiel kommen, so Rousseau, da nimmt das Unheil seinen Lauf. Sie sind Ausdruck der Vertreibung aus dem Paradies der "glücklichen Unwissenheit". Luxus ist nicht nur Makel, er ist Strafe - für eine Entwicklung, die völlig falsch gelaufen ist. Diese Entwicklung heißt Zivilisation - und zwar nicht die falsche, dekadente Zivilisation, sondern die Zivilisation schlechthin.

Der Mann mit dem Goldhemd: Der Inder Pankaj Parakh ließ sich im vergangenen Jahr ein Hemd aus purem Gold fertigen
Rousseau ein Aufklärer? Voltaire hatte den Braten gleich gerochen und nach der Lektüre des zweiten Discours bissig kommentiert, man verspüre Lust, sich auf allen Vieren zu bewegen. Wenn es je einen Aufklärer gab, so war es Voltaire, für den weder "Zurück zur Natur" noch der Luxusverzicht je eine Option war. Voltaires Aufklärung will nicht die Befreiung der Zivilisation von ihren luxuriösen Annehmlichkeiten, sondern ihre Befreiung von ideologischen Scheuklappen in Religion, Politik, Wissenschaft und Kultur.

Es ist Voltaires Zivilisationsbegriff, der hier auch in Rede steht. Er meint nicht die vom deutschen Kulturkonservatismus so genannte reine Technik- und Wissenschaftskultur, die der höheren ästhetischen und philosophischen Kultur als eine Kultur zweiter Klasse gegenübersteht. Er meint die Einheit von politischer, sozialer, von ästhetischer und materieller Kultur. Dazu gehören auch alle öffentlichen Repräsentationsformen in religiösen Kulten, in Politik, in Architektur und Kunst sowie die gesamte Verhaltens- und Benimmkultur.

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