Donnerstag, 16. August 2018

Eine Polemik wider den asketischen Furor Warum Luxus Zivilisation bedeutet

Verfeinerung der Esskultur auf die Spitze getrieben: Diese Praline steckt in einem mit einem siebenkarätigen Diamanten versehenen Halter. Das hat mit archaischen Hungergefühlen nicht mehr viel zu tun.

3. Teil: Askese als Antizivilisation

Michel Onfray feiert ihn sogar als den individualistischen Hedonisten (siehe Erläuterung), der sich konsequent dem Weg des nomos, dem Gesetz und der Konvention, verweigert habe.

Gefunden in
Der blaue Reiter
Ausgabe 36 - Luxus

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Hedonistisch? Onfray bezieht sich dabei auch auf jene berüchtigte Überlieferung aus dem Leben des Diogenes, die Diogenes Laertius unter anderem mit folgenden Worten berichtet: "Er pflegte alles in voller Öffentlichkeit zu tun, sowohl was die Demeter betrifft, wie auch die Aphrodite". Sprich: Er verrichtete sein Geschäft vor aller Augen und onanierte ebenso öffentlich auf dem Markt. Dabei ging es allerdings weniger um die Realisierung eines Lustprinzips, als vielmehr um die Demontage von Schamgrenzen. Und zwar in radikaler Form: Diogenes demontierte nicht irgendeine Grenze zugunsten einer anderen, er wandte sich gegen die Grenzen als Grenzen, gegen die Konvention als Konvention.

Er wollte die Reduktion des Notwendigen auf das Elementare, die Destruktion der Zivilisation zugunsten des Kreatürlichen. Verräterisch ist in dieser Hinsicht jene Anekdote, nach der er regelmäßig ins Theatergebäude hineinging, wenn die Zuschauer es verließen, und dies so kommentierte: So mache ich es mit allem. Sprich: Gibt es eine Form, eine Regel, eine Konvention, so konterkariere ich sie. Auch hier wird Askese zum Ausdruck eines genuin antizivilisatorischen Impulses.

Vor 14 Jahren wurden im zentralafghanischen Bamian zwei jahrhundertealte Buddhastatuen von radikalen Islamisten gesprengt. An der leeren Felsnische gab es 2011 zum 10. Jahrestag der Zerstörung eine Gedenkfeier.
Wir haben die radikalislamischen Fanatiker vor Augen, die in Afghanistan die Buddha-Statuen von Bamian sprengten und heute Kirchen und Moscheen im Irak und in Syrien ausradieren. Erinnern wir uns aber, wie fanatisierte Anhänger der christlichen Reformation zum Abriss und zur Vernichtung von Kirchenkunst animiert wurden?

Das besonders vom Calvinismus forcierte Bilderverbot ging Hand in Hand mit einer Luxuskritik, die sich nicht nur gegen die Darstellung des Göttlichen, sondern gegen die geschmückte Form, den Dekor im Allgemeinen richtete. So an jenem ominösen "Götzentag" 1531, als im Ulmer Münster beide Kirchenorgeln und 60 Altäre zum Teil mithilfe von Seile und Ketten ziehenden Pferden von den Wänden gerissen wurden. Der Zusammenhang zwischen religiös motiviertem asketischem Furor und Fundamentalismus ist viel älter als unser Jahrhundert und hat auch bei uns seine Spuren hinterlassen.

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