Freitag, 23. Februar 2018

Eine Polemik wider den asketischen Furor Warum Luxus Zivilisation bedeutet

Verfeinerung der Esskultur auf die Spitze getrieben: Diese Praline steckt in einem mit einem siebenkarätigen Diamanten versehenen Halter. Das hat mit archaischen Hungergefühlen nicht mehr viel zu tun.

2. Teil: Der Wohlstand und das Misstrauen

Dies beginnt schon bei den alttestamentarischen Propheten, die sich als Sprachrohr des israelitischen Stammesgottes Jahwe verstanden. Den in der Sesshaftigkeit entstandenen Wohlstand sahen sie mit großem Misstrauen. Sie wetterten gegen die bei religiösen Kulthandlungen verwendeten Goldschmiedearbeiten und Purpurmäntel (Jeremias 10, 1-10) ebenso wie gegen den Schmuck, den die Töchter Zions zur Schau trugen (Jesaja 3, 16-23).

Vordergründig ging es gegen Götzendienst, Hochmut und Verschwendung. Doch verräterisch sind bei allen Propheten die von der Luxuskritik entzündeten Gewaltfantasien. Den Kritisierten droht Zerstörung der Weinberge und Äcker, Niederbrennen der Häuser und Vernichtung der Bewohner: "Ich verabscheue Jakobs Stolz", spricht Jahwe aus dem Mund des Propheten Amos, "und hasse seine Paläste; die Stadt und alles, was in ihr ist, gebe ich preis. Wenn in einem einzigen Haus noch zehn Menschen übrig sind, müssen auch sie sterben." (Amos 6, 8-9) Lassen wir einmal die Charakterisierung des alttestamentarischen Gottes beiseite, den Richard Dawkins als den "unerfreulichsten Charakter der gesamten Literatur" bezeichnete.

Seine Stimme mag archaisch und harsch klingen, sie ist aber charakteristisch für den fundamentalistischen Charakter des asketischen Furors geblieben. In ihr äußert sich unverkennbar das Ressentiment einer nomadischen Welt gegen die sesshafte Zivilisation, die Urbanität, Kunst, Dekor und nicht zuletzt die dem Genuss gewidmete Luxusproduktion hervorbringt.

Minimalistisches Haus "Diogene" von Renzo Piano: Das Tiny-House-Movement gibt vor, sich auf das Wesentliche zu besinnen - wie einst Diogenes. Aber ganz ohne Stararchitekten und nette Sitzgruppe unter dem Schirmchen geht es manchmal auch nicht.
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Minimalistisches Haus "Diogene" von Renzo Piano: Das Tiny-House-Movement gibt vor, sich auf das Wesentliche zu besinnen - wie einst Diogenes. Aber ganz ohne Stararchitekten und nette Sitzgruppe unter dem Schirmchen geht es manchmal auch nicht.
Antizivilisatorische Reflexe finden wir auch in der griechischen Philosophie. An der Schwelle zwischen griechischer Klassik und Hellenismus trat in Athen ein Mann auf, der die Askese zum Lebensprogramm machte und als Muster der Bedürfnislosigkeit und des Nonkonformismus gilt: der Kyniker Diogenes von Sinope, ein Schüler des Antisthenes. Diogenes quartierte sich in seiner berühmten Tonne, einem Fass im Vorhof des Tempels der Demeter, ein, er verzichtete auf jede Art von Komfort, schlief auf einem zusammengefalteten Mantel und aß seine Mahlzeiten ohne Geschirr und Besteck.

Diogenes war der vielleicht radikalste unter jenen antiken Luxuskritikern, die dafür plädierten, sich auf das "Notwendige" zu beschränken. Diejenigen, die gerne wider den Stachel des philosophischen Mainstreams schreiben, haben ihn immer gelobt. Für Peter Sloterdijk war er derjenige, "der die ursprüngliche Verbindung zwischen Glück, Bedürfnislosigkeit und Intelligenz in die westliche Philosophie brachte".

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