Sonntag, 31. Juli 2016

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Denken Warum Stil eine Frage der Moral ist

Stilfragen: Auf dem Cover seines jüngsten Albums "Ich bin der eine von uns beiden" posierte der Sänger, Komponist und Produzent Andreas Dorau feinsinnig neben einer Wildsau, montiert in ein manieristisches Gemälde.

Guter Stil ist mehr als eine Art, sich zu kleiden oder zu geben. Es ist eine Frage der Haltung. Es geht um Anstand, Respekt und Würde. Denn Stil hat nicht nur mit Geschmack zu tun, sondern auch mit Moral, meint der Chefredakteur der Philosophiezeitschrift "Hohe Luft", Thomas Vasek.

Angenommen, ein Unternehmen kündigt einem langjährigen, verdienten Mitarbeiter, der sich nichts hat zuschulden kommen lassen. Stellen wir uns zwei Szenarien vor. Im ersten gibt es ein ausführliches Gespräch, man dankt dem Mitarbeiter für die geleistete Arbeit und wünscht ihm alles Gute für die Zukunft. Im zweiten Fall hingegen fordert man den Gekündigten im Befehlston auf, binnen einer Stunde das Büro zu räumen, zugleich werden schon mal Chipkarte und Mobiltelefon gesperrt. Kein Wort des Dankes, nichts.

Gefunden in
Hohe Luft
Heft 4/2014

52 Seiten Spezial: Was ist gute Arbeit?

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Im ersten Fall würden wir wohl meinen, das Unternehmen habe sich einigermaßen korrekt verhalten. Die Kündigung bleibt zwar eine Kündigung, aber immerhin hat man eine gewisse Form gewahrt. Der zweite Fall hingegen empört wohl die meisten von uns. Wir würden sagen: Das war ganz schlechter Stil.

Unter Stil verstehen wir zunächst eine äußere Form, eine Fassade, die wir unserem Leben geben. Wir sprechen von Kleidungs-, Arbeits- oder Lebensstilen so wie von verschiedenen Stilen in Kunst und Architektur. Etymologisch gesehen bedeutet der Begriff eine Eigenart des sprachlichen Ausdrucks, er geht zurück auf das lateinische Wort "stilus" (Griffel).

Im heutigen Sprachgebrauch verwenden wir den Begriff einerseits auf deskriptive, also beschreibende Weise. Wir sagen, jemand habe einen bestimmten Stil, also etwa eine Art, sich zu kleiden. Oft hat der Begriff aber auch eine normative, wertende Komponente. Wenn wir sagen, jemand habe "Stil", dann meinen wir das in einem anerkennenden, respektvollen Sinn. Wir verbinden damit Attribute wie Eleganz, Geschmack, Anstand und Würde.

Stil ist die Fassade unseres Lebens

Stilfragen halten wir oft für Formalien, also für bloße Äußerlichkeiten. Worauf es ankommt, das ist scheinbar, "was" wir tun, nicht "wie" wir es tun. "Guter Stil" gilt als Sekundärtugend ohne unmittelbare ethische Relevanz. Doch diese Sicht ist falsch. Es macht einen ethischen und moralischen Unterschied, wie wir etwas tun.

Der Begriff "Stil" hat, so möchte ich hier behaupten, neben der deskriptiven Komponente, die in unserer sozialen Lebenswelt verankert ist, auch eine ästhetische sowie eine ethisch-moralische Dimension. Alle drei Dimensionen sind untrennbar miteinander verbunden. Insofern handelt es sich bei "Stil" um einen "dicken" Begriff, der eine deskriptive und eine wertende Komponente hat (siehe Kasten links).

Man könnte sogar sagen, es handle sich um einen "fetten" Begriff, weil er ästhetische und ethisch-moralische Wertungen gleichermaßen einschließt. Mit anderen Worten: Stil verbindet unsere Lebenswelt mit dem Schönen und Guten, also mit der äußeren Form sowie der Frage, wie wir selbst leben und wie wir andere behandeln sollen. Aus dieser Überlegung lassen sich womöglich Ansätze zu einer "Ethik des Stils" gewinnen.

Schlechter Stil kann die moralische Qualität von Handlungen korrumpieren. Jemand könnte sich etwa großzügig erweisen, indem er einem Straßenbettler Geld gibt. Wenn er dem Bettler mit einer abschätzigen Geste ein Bündel Geldscheine vor die Füße wirft, womöglich vor den Augen der Passanten, dann ist das bestimmt schlechter Stil.

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