Samstag, 23. Juni 2018

Sexismus-Debatte in der Kunst Bildersturm legt die Demokratie in Ketten

Alice Salomon Hochschule in Berlin: Der Text Gomringers sollte interpretiert und diskutiert werden, anstatt ihn der Zensur zu unterwerfen
DPA/ASH Berlin/David von Becker
Alice Salomon Hochschule in Berlin: Der Text Gomringers sollte interpretiert und diskutiert werden, anstatt ihn der Zensur zu unterwerfen

Langsam nähert sich die glühende Zigarette bis auf wenige Millimeter ihrer Wange. "Ich werde dich brandmarken", kündigt er an. Dann lässt er von ihr ab. "Vielleicht möchte ich Dich ja noch einmal anschauen." Szenen einer Beziehung.

Dürfen wir die Kunst eines solchen Mannes würdigen? Stammt sie nicht aus demselben Hirn, wie die Verachtung für seine Lebensgefährtin?

Dazu später mehr.

Die Manchester Art Gallery hat das Werk "Hylas und die Nymphen" von John William Waterhouse abgehängt, angeblich um eine Diskussion darüber loszutreten. Das Bild stammt aus dem Jahr 1896 und zeigt sieben barbusige Nymphen, wie sie nach Hylas greifen. Klassischer literarischer Stoff aus der griechischen Mythologie. Begründung der Abhängung: Das Bild würde meist als "femme fatale" verstanden - oder als rein dekoratives Element.

Warum wird aus einem Kurator ein Zensor? Ist es nicht - unabhängig von der Qualität eines Werkes - geradezu fantastisch, dass ein Bild nach 122 Jahren das Denken anderer Generationen anregt? Dass es Anstöße gibt, weil es plötzlich anstößig scheint?

Tom Buschardt
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    Tom Buschardt ist seit Ende der 1990er Jahre Medientrainer. Er coacht Vorstände und Politiker für den optimalen Auftritt vor Mikrofon, Kamera und Publikum. Seit 2004 ist er auch Dozent an der Akademie des Auswärtigen Amtes (Interviewtraining). Er arbeitete für zahlreiche Sender der ARD sowie RTL Aktuell und ist Experte für Krisenkommunikation. www.buschardt.de

Kunst wirkt über den Tod des Künstlers hinaus. Nach Unsterblichkeit streben alle Künstler.

Zur Erinnerung: Die Hauswand der Berliner Alica Salomon Hochschule zierte ein Gedicht von Eugen Gomringer. Beanstandete Textzeile: "Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer". Hier wurde der Text nicht von Eiferern als eine "möglicherweise sexistische Wahrnehmung beim Leser" bezeichnet, sondern von Studenten selbst. So dumm kann der akademische Nachwuchs doch gar nicht sein. Der Text Gomringers ist interpretationsfähig. Dann soll er interpretiert und diskutiert werden, anstatt ihn der Zensur zu unterwerfen.

Universitäten sollten ein Hort intellektueller Anarchie sein. Studenten brechen mit Konventionen, drehen das Rad der Gesellschaft maßgeblich weiter. Die 68er, die Friedensbewegung, die Anti-Atomkraft-Bewegung, Tierschutz, Umweltschutz, Engagement für Menschenrechte - das alles wäre ohne intellektuelle und emotional engagierte Studenten niemals möglich gewesen.

Die Hochschule wird zum Hort intellektueller Prüderie

Stattdessen wird die Hochschule zum Hort intellektueller Prüderie. Sogar die Berliner Volkshochschule hängte Bilder der Künstlerin Susanne Schüffel ab, weil ihre Aktdarstellungen weiblicher Körper Gefühle anderer Menschen verletzen könnten. Eine Volkshochschule.

Der Bildersturm wütet inzwischen in allen gesellschaftlichen Schichten.

Der verdorbene Gedanke, 1937 einen Ernst Barlach als künstlerisch entartet zu brandmarken, ist genauso faul wie die Praxis, heutzutage Kunst der Öffentlichkeit vorzuenthalten, weil sie die Gefühle anderer verletzen könnte. Es kann keine Gesellschaft in intellektuellem Diskurs geben, in der Gefühle einzelner Gruppen nicht punktuell verletzt werden.

Hängen wir Kunst ab, weil ein Kurator sie für ungeeignet hält? Einverstanden. Aber wir dürfen Kunst nicht präventiv dem öffentlichen Raum entziehen, weil sie irgendjemandem auf die Füße treten könnte.

Dürfen wir demnächst den deutschen Dadaisten und Surrealisten Max Ernst nicht mehr im Museum zeigen, wo auf einem Werk Maria das Jesuskind übers Knie legt? (Titel: "Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen"- Öl auf Leinwand, Paris 1926 - im Besitz des Museums Ludwig, Köln). Ist die religiöse Provokation nicht schon seit 92 Jahren fester Bestandteil des Werkes?

Warum autoritäre Herrscher die Kunst massiv reglementieren

Denken wir weiter: Was ist mit Günter Grass? Darf die Blechtrommel (veröffentlicht 1959, Literaturnobelpreis 1999) so voller sexueller Kraft geschrieben tatsächlich künftig Minderjährigen im Literaturunterricht noch als Lesestoff unterrichtet werden?

Warum wohl, werden in totalitären Regimen zunächst Kunst und Meinungsfreiheit durch die Regierenden neu definiert? Warum wohl, ist die Bildersprache der Kunst in Nordkorea so konsequent vereinheitlicht? Warum wohl war der "sozialistische Realismus" so streng durchdekliniert in seiner Bildersprache? Warum wohl, hat der Nationalsozialismus die Kunst so massiv reglementiert?

Ganz einfach: Wer über die Kunstregulierung die Hoheit über Bilder und Text übernimmt, der beherrscht die Hirne seines Volkes. Wenn Kunst nicht mehr frei ist, liegt die Gesellschaft bereits in Ketten.

Kunst ist Diskurs mit der Gesellschaft, aus der Gesellschaft, in der Gesellschaft. Dazu gehören tiefsinnige Arbeiten von Käthe Kollwitz und oberflächliches Zeugs von Jeff Koons.

1906 wurde ein Plakat zur Heimarbeit-Ausstellung verboten, weil Käthe Kollwitz die enorme Leere in den Augen einer von Heimarbeit gezeichneten Frau so emotional getroffen hatte, dass die Gattin von Wilhelm II sich weigerte die Ausstellung zu besuchen, so lange diese Plakate hängen würden.

Wann löst Kunst der Gegenwart etwas Vergleichbares aus?

Die soziale Skulptur bricht von der Plinthe

Zur Kunstfreiheit gehört ein von Sexualität überfluteter Salvador Dali wie ein inzwischen nahezu vollständig unpolitischer Shepard Fairey. Naive Bauernmalerei und abstrakter Konstruktivismus. Happenings von Hermann Nitsch und "Malen nach Zahlen".

"Jeder Mensch ist ein Künstler" - dieser Satz von Joseph Beuys wird leider oft falsch verstanden: "Jeder Mensch kann Kunst machen, und die von Beuys sowieso." Beuys sprach 1967 in Wirklichkeit von der Gestaltungsaufgabe, die der einzelne Mensch im Kollektiv der Gesellschaft hat. Die Gesellschaft als eine "Soziale Plastik/soziale Skulptur", die wir durch unser Verhalten prägen. Und diese soziale Skulptur gerät angesichts wachsender Bilderstürmerei aus den Fugen, bzw. bricht von der Plinthe - um im Bild zu bleiben.

Nicht umsonst steht die Freiheit der Kunst in unserem Grundgesetz. Artikel 5. Also ziemlich weit vorne. Die Unabhängigkeit der Justiz kommt erst in Artikel 97.

Im selben Paragrafen, der die Freiheit der Kunst garantiert, wird auch die Freiheit der Wissenschaft und der Lehre genannt. Denken wir weiter: Wenn die Kunst nicht mehr frei ist - dann ist irgendwann auch die Lehre nicht mehr frei. Dürfen wir dann - z.B. mit Rücksicht auf religiösen Varianten der Schöpfungsgeschichte - die Evolutionstheorie nicht mehr lehren? Es gibt bereits Regierungen, die "Darwin" in ihren Ländern geächtet haben. Eines dieser Länder ist sogar NATO-Mitglied. Dort verschwindet Darwin nächstes Jahr aus den Schulbüchern.

Einschränkung ist bereits Unterdrückung

Die dauerhafte Freiheit des Wortes, auch wenn es schmerzt und die eigenen Gefühle verletzt, ist in beiden Fällen nicht gewährleistet. Gönnen wir uns die Freiheit, der Kunst ihre Freiheit zurückzugeben, damit unsere eigene Freiheit erhalten bleibt. Kunst muss nicht "gut", "rein" oder "sauber" sein. Setzen wir uns damit auseinander. Begeistert. Kritisch. Kontrovers. Aber sperren wir nichts weg.

Bei Kunst gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder ist sie frei - oder unterdrückt. Einschränkung ist bereits Unterdrückung.

Ich will sogar mit schlechter Kunst konfrontiert werden - das ist dann der Preis der Freiheit, den ich zahlen muss.

Wäre zum Schluss nur noch der eingangs erwähnte Mann mit der Zigarette und die Klärung, ob angesichts des frauenverachtenden Verhaltens seine Bilder aus den Museen entfernt werden müssten: Pablo Picasso.

Tom Buschardt ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wider.

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