Sonntag, 22. Oktober 2017

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Effektiv ethisch handeln Wie man Gutes berechnend besser tut

Effektiver Altruismus: Fünf einfache Schritte zum Einstieg
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DPA

Eine neue Denkschule meint: Gutes tun alleine reicht nicht, man sollte es besonders effektiv tun - weniger Gefühle, mehr Verstand. Kann der "effektive Altruismus" funktionieren?

Hohe Luft
Ausgabe 4/2017

Philosophie und Wirtschaft

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Ein Mann, nennen wir ihn Albert, macht einen Spaziergang. Er kommt an einem Teich vorbei. Ein kleines Kind fällt beim Spielen vom Steg, es schreit und strampelt im Wasser; wenn Albert nicht eingreift, wird es ertrinken. Albert überlegt nicht lange, reißt sich die Schuhe von den Füßen, springt hinein und holt das Kind aufs Trockene zurück. Später wollen sich die Eltern bei ihm bedanken, aber Albert winkt ab. Ist doch klar, hätte jeder so gemacht.

Aber während seines Spaziergangs war nicht nur dieses eine Kind in Not. Anderswo fehlt Kindern sauberes Trinkwasser oder medizinische Versorgung. Albert kennt den Unicef- Report, er weiß, dass weltweit Stunde für Stunde zwischen 600 und 700 Kinder sterben, viele von ihnen an leichthin vermeidbaren Ursachen. Während der Stunde, in der er spazieren geht, könnte Albert ihnen helfen, er müsste nur den "Donate"-Button auf der Webseite der "Against Malaria Foundation" anklicken. Stattdessen klickt er zu Hause auf den One-Click-Button bei Amazon und kauft sich neue Lautsprecherboxen für seine Stereoanlage.

Ist Albert ein guter Mensch? Ja, würde er sagen, also bitte, immerhin habe er heute ein Kind gerettet. Aber eine wachsende Zahl von Philosophen stellt diese Denkweise infrage. Es genügt nicht, ein bisschen gut zu sein, sagen sie, wirklich gut ist nur, wer so gut wie möglich ist. Sie nennen sich "effektive Altruisten" (effective altruists), wobei man das "effective" sowohl im Sinn von "echt", "wirklich" als auch im Sinn von "wirksam" verstehen kann. Und sie sind mehr als eine philosophische Denkschule. Sie sind eine soziale Bewegung. Zehntausende Menschen weltweit richten ihr Leben nach den Regeln des effektiven Altruismus aus.

Die Bewegung nahm ihren Anfang im Jahr 1971, als der australische Philosoph Peter Singer eine Abhandlung mit dem Titel "Famine, Affluence, and Morality" schrieb. Es war die Zeit der großen Hungersnöte in Äthiopien und der Sahelzone. Singer argumentierte, dass wir ebenso verpflichtet sind, Kindern in extremer Armut zu helfen wie dem Kind im Teich vor unseren Augen. Die räumliche Entfernung macht in globalisierten Zeiten keinen Unterschied.

Aber wo bleibt das Herz?

Das moralische Prinzip bleibt das gleiche: Wir sollten das Leiden anderer Menschen mindern, solange dies nicht erfordert, dafür "etwas annähernd so Wichtiges zu opfern" (Singer). Albert sollte also weiter seine alten Boxen benutzen und das Geld dafür der Malaria-Stiftung spenden, genauso wie er, ohne mit der Wimper zu zucken, seinen Anzug im trüben Teichwasser ruiniert, um das Kind zu retten.

Das ist das Grundargument des effektiven Altruismus, das dessen Vertreter seither vielfach verfeinert haben. Sie berechnen, wie entbehrliches Einkommen mit moralisch bestmöglicher Wirkung investiert werden kann. Zum Beispiel empfehlen sie die Unterstützung von Initiativen für Entwurmungsprogramme in Schulen und für direkten Geldtransfer zu Menschen in extremer Armut. Laut der Webseite thelifeyoucansave.org haben schon mehr als 18.000 Menschen gelobt, mindestens ein Prozent ihres Einkommens für solche Initiativen zu spenden, laut der Seite givingwhatwecan.org geben mehr als 2000 Menschen sogar zehn Prozent.

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