Sonntag, 17. Februar 2019

Effektiv ethisch handeln Wie man Gutes berechnend besser tut

Effektiver Altruismus: Fünf einfache Schritte zum Einstieg
DPA

3. Teil: Ruiniert der effektive Altruismus die Moral?

Seine Kritiker jedoch sehen es gerade umgekehrt: Der effektive Altruismus ruiniere die Moral, indem er sie verkapitalisiere. Der kalifornische Philosoph Paul Gomberg wirft Singer und seinen Anhängern vor, mit ihrem altruistischen Effizienzdenken "den politischen Quietismus zu fördern". Sie verleiteten dazu, alle Ressourcen zur Bekämpfung der Armut auf die Philanthropie der einzelnen Menschen zu verlagern und damit einen echten Wandel des Systems zu verhindern, welches diese Armut verursacht.

Ein Investmentbanker, der Millionen scheffelt und einen Großteil seines Gewinns für gemeinnützige Zwecke spendet, mag zwar seinen persönlichen moralischen Wirkungsgrad optimieren, aber er bleibt ein Investmentbanker, und damit in den Augen mancher Kritiker ein Träger eines ausbeuterischen ökonomischen Systems, das die Missstände, denen der Banker abhelfen möchte, wesentlich mitverursacht hat.

Auf solche Kritik antwortet Singer, er "liebe Systemwandel", und verweist auf effektiv-altruistische Initiativen für gemäßigte Reformen der Justiz, des Einwanderungsrechts und des internationalen Handels. Ein gründlicher Systemwandel, wie Gomberg ihn fordert, sei unrealistisch - warum also seine Energie dafür verschwenden? "Wenn es wenig Chancen gibt, diese Art von Revolution zu bewirken", sagt Singer, "dann muss man eine Strategie suchen, die bessere Aussichten bietet, armen Menschen tatsächlich zu helfen."

Es bleibt ein Unbehagen

Klingt nüchtern und einleuchtend, hinterlässt aber dennoch ein Unbehagen. Das Kosten-Nutzen-Kalkül der effektiven Altruisten braucht Rahmenbedingungen, aber wer sagt, dass diese Bedingungen unveränderlich sind? Sie betrachten Hilfsorganisationen wie Automaten: Geld rein, Hilfe raus. Dann wird der Wirkungsgrad dieser Automaten maximiert. Das Geld soll dorthin fließen, wo es den größten Effekt hat: mehr gerettete Menschenleben pro Dollar oder Euro, mehr geheilte Kranke. Aber so funktioniert Hilfe nicht, weil Menschen nicht so funktionieren.

Zum Beispiel propagieren die effektiven Altruisten die Lieferung von mit einem Insektizid behandelten Moskitonetzen nach Afrika, um die Verbreitung der Malaria einzudämmen. Aber viele Afrikaner, deren Hunger die Angst vor Malaria überwiegt, nutzen die Netze lieber zum Fischen als zum Schutz vor Ansteckung. "Ich weiß, dass es nicht richtig ist", sagte Mwewa Ndefi, Vater von sieben Kindern in Sambia, der "New York Times", "aber ohne diese Netze hätten wir nichts zu essen."

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