Freitag, 24. November 2017

Der DEnglische Patient: die Sprachpanscher aus der EU Wie die Engländer ihr English verlieren

Wie bitte - "prepone"? Ist das jetzt Englisch oder nicht? Darauf gibt es zwei Antworten: eine aus Little England. Und eine aus dem Rest der Welt!

Die englische Sprache wird immer unenglischer, und ausgerechnet der Brexit beschleunigt diesen Prozess! Schon vor 250 Jahren war das in Nordamerika so: Während die Engländer dort nach mehr Weltgeltung strebten, verloren sie in Wahrheit das größte Copyright, das sie je besaßen: an der Sprache, die ihren Namen trägt. Es folgten viele andere Regionen der Welt. Und nun auch Europa: Haben die Briten erst einmal die EU verlassen, werden es Deutsche und Franzosen, Italiener, Spanier und Polen sein, die entscheiden, was in Zukunft Englisch ist. Eine Ironie der Geschichte.

Peter Littger
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    Neben Rückenproblemen und Übergewicht schleppen wir oft auch eine andere Zivilisationskrankheit mit uns herum: holpriges Englisch. Falls Sie auch darunter leiden, hilft Ihnen diese Kolumne von Peter Littger. Er berichtet als Denglischer Patient aus allen möglichen Lebenslagen über deutsch-englische Sprachverwirrungen und nicht zuletzt über seine eigenen sprachlichen Unzulänglichkeiten. Sein Buch "The devil lies in the detail: Lustiges und Lehrreiches über unsere Lieblings- fremdsprache" ist ein Bestseller.
    Auf Twitter unter @FluentEnglish.

Sprachwissenschaftler nennen es "Globish": Die verschiedenen Formen des Englischen, die man in England als falsch empfindet und oft gar nicht mehr versteht, während der Rest der Welt freundlich miteinander kommuniziert. Ein schönes Beispiel ist das Vorverlegen von Terminen, das in Pakistan oder Indien genauso wie in Brüssel, Berlin oder Paris gerne als "prepone" bezeichnet wird. Im Oxford English Dictionary ist diese Abwandlung von "postpone" nun seit ein paar Jahren als "Indian" aufgeführt: also Englisch aus Indien.

Alarmierend ist es nun für jeden Brexiteer, dass man aus Frankreich oder Deutschland kaum mehr Stimmen hört, die durch den Brexit Morgenluft wittern und (mal wieder) Deutsch oder Französisch zur Hauptsprache der EU machen wollen. Denglisch gesagt: "Das ist total out." And in plain English: "That's very 90s!" Die Oettingers und Co schaffen heute ganz einfach sprachlich Fakten, indem sie so tun als sei ihr eigenes denglisches oder franglisches Kauderwelsch die Lingua Franca. Sprachwissenschaftler haben auch dafür einen Begriff: "Eurish"!

Wie sehr dieses Eurish längst vom Standard-Englisch abweicht, zeigt ein Bericht, den ein Brite im Europäischen Rechnungshof verfasst und kürzlich, wenige Wochen vor der Austrittserklärung der britischen Regierung aktualisiert hat. Der Mann heißt Jeremy Gardner, und sein lustiges und lehrreiches Werk "Misused English Words and Expressions in EU publications".

Wie ein Wörterbuch mit rund 130 Beispielen führt Gardner durch die verwirrenden pseudoenglischen Wortwelten und erklärt Satzleichen der europäischen Unionisten. Ganz vorne steht unter "A" zum Beispiel der Begriff "Aids". Warum? Nicht nur weil Staatshilfen, also Staatsknete oder englisch gesagt "other people's money", eine beliebte Finanzierungsform in der EU sind. Sondern weil sie von Nicht-Briten gerne in einer abscheulichen Weise gehandelt werden, wenn von "public aids" oder "state aids" die Rede ist, als wäre es eine ansteckende Krankheit, die man sich in der Öffentlichkeit oder gar auf dem Amt holt. Es sollte also besser - und korrekt - zu "state aid" entschärft werden!

Gardner erinnert in seiner Einleitung daran, dass Englisch die offizielle Sprache in 88 Ländern ist und deshalb rund um den Globus in sehr unterschiedlichen Varianten gesprochen und geschrieben wird. Globish eben! Doch, so Gardner, sei es wichtig, dass die Sprache stets unmissverständlich gegenüber diejenigen verwendet werde, die angesprochen sind. Und das sind in der EU nun einmal bis auf weiteres auch die Briten und die Iren.

Und die sind schlicht verwirrt, wenn Deutsche oder Franzosen von "actors" sprechen und damit "politische Akteure" meinen, also Politiker oder Ministerien, Gremien und Ausschüsse, während Engländer unweigerlich an Filmschauspieler denken! Eine andere verbreitete Stolperfalle ist die "Agenda": Erstens verbirgt sich hinter der Frage "What's your agenda?" für Briten die Frage "Welchen Geheimplan verfolgen sie so?" - also eine andere Bedeutung als viele Fragende ahnen.

Wer sich ganz vorurteilsfrei nach dem Programm erkundigen will, fragt: "What's the agenda (for today)." Und zweitens ist die "Agenda" kein "Terminkalender".

Viel Spaß kann man in der EU auch mit den unterschiedlichen Auffassungen des Wörtchens "global" haben - auch, weil sich die Briten gerade versuchen als "Global Britain" zu verkaufen. Hierzu Gardner: "In English, as in other languages, 'global' can mean both 'worldwide' and 'overall', but sometimes it can be a little confusing in the latter meaning. This became clear when an internal email was sent 'to everybody' announcing that there would be 'a global power cut'. If there is any ambiguity, prefer 'general' or 'overall'."

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Gardner hält dieses eigenwillige Englisch in der EU mittlerweile für dominant: Zunehmend flösse es auch in den Wortschatz der Briten, die in Brüssel oder Luxemburg arbeiten. Sie sagen zum Beispiel "SMS" anstelle von "text" und sagen "to send an SMS" anstelle von "to text". Und - aufgepasst! - sie verwenden sogar das "Handy" und den "Beamer" anstatt "mobiles", "cellphones" oder "projectors".

Dieser Teil in Gardners Bericht ist gewissermaßen der Schocker. Nachdem Deutschland in Europa den Frieden nach 1945 gewonnen habe, wie es neulich der frühere stellvertretende britische Premierminister Michael Heseltine zuspitzte, setzt sich nun in Europa auch noch unser denglisches Pseudoenglisch durch!

Vielleicht wehrt sich Gardner deshalb dagegen von den kontinentalen Sprachpanschern als "Angelsachse" bezeichnet zu werden. Als käme er irgendwo aus der Mitte von Deutschland! Ausführlich erklärt er, dass es sich bei diesen Menschen ausschließlich um die westgermanischen Stämme der Angeln, Sachsen und Jüten handelte, die aus dem heutigen Deutschland im 5. Jahrhundert auf die britischen Inseln auswanderten. Dabei steckt doch gerade in dieser Geschichte eine wunderbare Pointe: 1500 Jahre später bekommen sie von uns denglischen Patienten die Sprache nachgeliefert!

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