Sonntag, 24. März 2019

Designer Kretschmer "Augen zu beim Kleiderkauf"

Ebay wird zur Modemarke: Guido Maria Kretschmers Wochenend-Kollektion
Ebay

Der Designer Guido Maria Kretschmer hat eine Wochenendkollektion für das Handelshaus Ebay entworfen, das damit erstmals eine eigene Modemarke auf den Markt bringt. mmo-Autorin Sarah J. Tschernigow traf ihn in Berlin und sprach mit ihm über Schnäppchenjagd, Kommerz und das perfekte Kleid.

mm: Herr Kretschmer, was ist ein gutes Kleid?

Kretschmer: Das ist die Verbindung aus Schnitt, Material und dem Selbstverständnis einer Trägerin. Ein gutes Kleid tut etwas für dich. Das ist wie mit dem Partner. Wenn er nicht passt, kannst du ihn dir nicht schön reden. Bei Männern und auch bei Kleidern muss Frau immer überlegen: passt es wirklich? Oder will ich es nur, weil es gerade da ist? Also, bitte nicht am falschen Kleid festhalten! Ich würde jeder Frau beim Kleiderkauf empfehlen, die Augen zu schließen und das Material zu fühlen.

mm: Muss ein schönes Kleid bequem sein?

Kretschmer: Ja. Es gibt immer auch ein Drinnen! Was nützt das tollste Kleid, wenn ich darin nicht sitzen kann, oder mich darin steif bewege? Oder ein sexy Mini-Kleid, wenn ich ein schüchternes Mäuschen bin? Es muss zur Person passen und ein rundes Ganzes ergeben.

mm: Für die erste eigene Ebay-Kollektion haben Sie nicht nur ein Kleid entworfen, sondern insgesamt 20 Teile. Was macht den Stil aus?

Kretschmer: Das Wochenende verspricht Leichtigkeit und das Gefühl, den Alltag hinter sich lassen zu können. So ist auch der Look: leicht, entspannt und schick. Es sind alles Lieblingsteile, die bleiben und nicht nach einer Saison wieder wegsortiert werden. Natürlich höchste Qualität. Wir arbeiten mit Seide, Jersey, Leder und Viskose. Wir haben viel auf Details geachtet und auf Multifunktionalität. Keine Angst vor großen Größen! Die Kleider können auch Damen tragen, die ein paar Pfunde zu viel haben. Denn die sollen ja auch einen schönen Sommer haben und sich nicht verstecken müssen.

mm: Machen sich Frauen zu viele Gedanken darüber, was sie anziehen sollen?

Kretschmer: Die meisten Frauen nehmen für einen Wochenend-Trip viel zu viel mit und ziehen dann nur die Hälfte davon an. Was sie brauchen, sind zwei Dinge: ein leicht fallendes, multifunktionelles Kleid und einen gut sitzenden BH. Den haben wir zwar nicht im Programm, aber dafür einen Bikini. Mein Lieblingsteil ist die Pandora, ein langes Sommerkleid. Das kannst du beliebig hoch- und runterziehen, damit kannst du alles machen. Darin kannst du dich auch beerdigen lassen.

mm: Die Kunden stimmen online darüber ab, welche zwölf der sechzig Teile auf den Markt kommen. Womöglich fliegt Ihr Lieblingsteil ja raus...

Kretschmer: Ich habe schon ein wenig Angst, dass die Kunden das nehmen, was ich nicht will. Aber mich reizt an diesem Projekt dieser Crowdsourcing-Aspekt. Die Kunden gestalten die Kollektion mit. So wissen wir am Ende genau, was gefällt. Ich habe darauf geachtet, dass der Look stimmig bleibt, egal welche Teile ausgewählt werden.

mm: Mit Ebay assoziieren viele Kunden eher Schnäppchen, billig und garantiert nicht aktuelle Mode. Wie passt denn die hochwertige Marke Guido Maria Kretschmer da rein? Haben Sie das nötig?

Kretschmer: Für manche mag das befremdlich sein. Ich meine, ich bin garantiert nicht für Sondermüll zu haben. Ich finde es toll, bei Ebay Sachen ersteigern zu können, die ein zweites, drittes, viertes Leben haben. Was sollen Kleidungsstücke zuhause rumliegen, die nicht passen? Ebay ist für mich auch Zeichen von Interaktion. Und Mode ist ein Ausdruck von Zeitgeist. Die Menschen sollen daran teilhaben. Als Designer sollte man von seinem hohen Ross runtersteigen, von wegen: Ich mache nur teure Mode für die Schönen und Reichen. Ich verstehe mich als democratic Couture. Abgesehen davon ist die Kollektion limitiert. Wir hauen das nicht in Massen raus.

mm: Die Teile kosten zwischen 49 und 199 Euro. Werden Sie als Marke nicht zu kommerziell?

Kretschmer: Ich kann es mir gar nicht leisten, nicht kommerziell zu sein! Ich bin eine eigenfinanzierte Marke, ich habe meinen Weg alleine gemacht und natürlich darauf geachtet, dass ich meine Mode verkaufe. Ich habe weder reiche Eltern noch Investoren, die mir jedes Jahr drei, vier Millionen zum Verballern geben. Außerdem liebe ich den Kontakt zu normalen Menschen, zu normalen Frauen. Ich bin erfolgreich damit und bediene offenbar eine Sehnsucht.

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