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13. Dezember 2012, 07:30 Uhr

Britische Herrendüfte

Distinktion in Flaschen

Von Alexander Grau

Britische Distinktion kann man kaufen. Abgefüllt in Flakons. Die traditionsreichen englischen Herrendüfte, hierzulande wenig bekannt, verströmen Gentleman-Appeal, weiß mmo-Autor Alexander Grau. Er hat den Berliner Lothar Ruff besucht, der vergessene Duftklassiker in die Gegenwart rettet.

München - Es ist kaum zu übersehen: Weihnachten naht. Tagsüber wird es kaum noch hell, erster Schneematsch ruiniert die Schuhe, und Bratwürste, Plätzchen und Stollen treiben den Zeiger der Waage nach oben. Doch diese Fährnisse spült der Mann von Welt tapfer mit ein paar Bechern klebrigem Glühwein hinunter.

Wirkliches Ungemach droht allerdings am Heiligen Abend, wenn unter dem Weihnachtsbaum eine mittelgroße Schachtel, eingeschlagen in dem türkisfarbenem Geschenkpapier einer einschlägigen Handelskette, unerbittlich signalisiert: ein neues Aftershave!

Jetzt heißt es tapfer sein und gut Miene machen zum bösen Spiel. Natürlich ist dieser heimtückische Anschlag auf das geliebte "Z-14" oder das seit Teenagertagen geschätzte "Antaeus" allein deshalb gemein, weil einen diese wunderbaren Düfte an romantische Jugendjahre erinnern. Doch wer wird schon sentimental sein? Schließlich ist das lange her, und die einstige große Liebe hat sich schon längst in eine übergewichtige Ehefrau mit Reihenhaus und VW-Sharan verwandelt. Viel ärger wiegt die Tatsache, dass der wehrlose Ehegatte oder Lebensabschnittspartner auf subtile Weise gezwungen werden soll, seine olfaktorische Persönlichkeit, also seine Identität zugunsten irgendeines ordinären Marketingproduktes aufzugeben.

Dabei spricht zunächst gar nichts gegen eine Erweiterung der kleinen Aftershavesammlung. Düfte repräsentieren Stimmungen, und wer ist schon immer in der gleichen Laune? Das scheitert schon an den metrologischen Gegebenheiten in unseren Breiten. Der schwere, holzige und würzige Lieblingsduft, der sich im Winter so wunderbar macht, ist im Hochsommer am Badessee oder auch nur im Biergarten um die Ecke vollkommen deplaziert.

Englands florale Kultur spiegelt sich in den Düften

Und umgekehrt gilt: Das wunderbar leichte, zitronige Sommerparfüm, das sich auf der Gartenparty im Juli so angenehm ausnimmt, ist für den Opernbesuch im November mehr als nur ungeeignet. Mit anderen Worten: Auch für den Herren ist es angemessen, nicht jeden Tag und bei jeder Gelegenheit zum Standardduft zu greifen, den man seit Jahren für den morgendlichen Gang ins Büro auflegt. Bleibt also die Frage, wo um alles in der Welt man Düfte jenseits des Mainstreams findet.

Immer noch einen Geheimtipp stellen hier die wunderbaren Kreationen englischer Traditionshäuser dar. Englische Parfüms? Aber ja! Seit dem 18. Jahrhundert verfügt England über eine große Parfümtradition - insbesondere für Männer. Das hat unter anderem damit zu tun, dass England eine ausgesprochen florale Kultur hat. In keinem Land hat das "Gardening" einen vergleichbaren gesellschaftlichen Stellenwert. Dieser Blumenkult hatte unter anderem zur Folge, dass die gesittete viktorianische Lady keine französischen Parfüms benutzte, also Duftkompositionen, sondern reine Düfte - Rose, Veilchen oder was auch immer. Duftkompositionen waren dem Herrn vorbehalten.

Angeboten wurden diese Duftwässer schon in den Badehäusern des 18. Jahrhunderts von den dort ansässigen Barbieren. Deren Kompositionen repräsentierten allerdings nicht nur die Auswahl der heimischen Flora, sondern waren beeinflusst von allen Duftnoten, die das britische Empire hergab.

Ein Klassiker dieser imperialen Dufttradition ist der "Bay Rum", ursprünglich ein Destillat, das tatsächlich aus Rum und den Blättern und Früchten des aus der Karibik stammenden Baybaums bzw. Nelkenpfeffers (Pimenta racemosa) gewonnen wurde und für moderne Nasen eher ungewöhnlich ist. Hat man sich jedoch einmal dran gewöhnt, verströmt der "Bay Rum" den Duft imperialer Herrlichkeit. Kein Wunder also, dass fast alle traditionellen englischen Perfumers "Bay Rum" in ihrem Angebot haben.

Duften wie Winston Churchill oder Andy Warhol

Als ältester noch existierenden Perfumer den Inselreiches gilt "Floris". Gegründet wurde das Geschäft 1730 in der Jermyn Street 89 von dem Menorquiner Juan Famenias Floris. Inzwischen wird es in der achten Generation geführt. Floris' Klassiker stammt aus dem ausgehenden 18. Jahrhundert: "Limes". Als dieser Duft entwickelt wurde, standen Zitrusdüfte noch nicht für Spülmittel und Allzweckreiniger, sondern für Exotik und Weltläufigkeit - ein frisches Arrangement aus Zitrusfrüchten und Zitronenblüten, dezent basiert auf Moschus.

Der bekannteste Duft von "Floris" ist jedoch das "No. 89". Er stammt von 1951, kommt also vergleichsweise jugendlich daher, und ist vor allem deshalb berühmt, weil James Bond ihn getragen haben soll. Bond-Fans versichern allerdings, dass sich diese These nicht bestätigen lässt. Als gesichert darf indes gelten, dass der Schöpfer des Geheimagenten, Ian Fleming, ein Bewunderer dieses sehr klassischen Herrenduftes war: Kopfnoten aus Zitrus und Bergamotte, florale Herznoten und als Basis Moos und Sandelholz.

Ein besonders ehrwürdiges Haus unter den alten Perfumern ist "Geo F. Trumper", gegründet 1875 in der Curzon Street 9. Der Hoflieferant Queen Victorias zeichnet sich nicht nur durch eine bestechende Kollektion klassischer Düfte aus. Schon die Flakons mit der berühmten Trumper-Krone sind ein ästhetischer Genuss und ideal zum Dosieren. "Trumpers" vielleicht elegantester Duft ist das 1877 lancierte "Marlborough", mit einer Kopfnote aus Lavendel und Rosmarin, einer Herznote aus Geranie, Zeder und Sandelholz auf einer Basis aus Vetiver - ein ausgewogenes und elegantes Arrangement, dabei zurückhaltend aber dennoch markant.

Der prominenteste aller britischen Düften ist jedoch "Penhaligon's Blenheim Bouquet". Das liegt schon an seinen Trägern: Winston Churchill hat ihn benutzt, ebenso wie Andy Warhol. Komponiert wurde er von William Penhaligon für Churchills Cousin, Charles Spencer-Churchill, dem 9. Duke of Marlborough. Das war 1902, ein Jahr nach dem Tod Queen Victorias. In seinem Ausdruck ist es jedoch noch ganz dem Viktorianismus verpflichtet: klar, streng, sauber, rein. Zitrone und Limette mit einem Hauch von Pinie. Das ist vollkommen unspektakulär und will es auch sein. "Blenheim" ist in einen Flakon gefüllte Distinktion, etwas reserviert, etwas unnahbar und sehr "straightaway".

Die Renaissance der alten Düfte

Doch auch die wunderbarsten Traditionshäuser kann das Schicksal alles Endlichen ereilen. Exemplarisch dafür steht die "Crown Perfumery". Begonnen hatte alles 1840, als Korsettmanufaktur. Um die unangenehmen Folgen dieses beengenden Kleidungsstücks zu mildren, kam der Sohn des Gründers - der Chemiker William Thomson jr. - auf die Idee, ein Duftsalz auf Lavendelbasis zu entwickeln.

Doch es blieb nicht beim Duftsalz, und so entstand 1872 die "Crown Perfumery", deren Flakons eine mächtige Krone zierte - eine Referenz an die prominenteste Kundin: Queen Victoria. Der Niedergang von "Crown" begann mit dem 1. Weltkrieg, die Firma wurde an "Lever Brothers" verkauft, heute als "Unilever" bekannt. Der 2. Weltkrieg gab dann dem Unternehmen den Rest. 1939 wurde es geschlossen. Doch manchmal geschehen Wunder: 1993 wurde "Crown" wieder gegründet und viele der alten Düfte neu aufgelegt.

Doch erneut nahte Unheil, diesmal in Gestalt des Designers und Innenarchitekten Clive Christian. Christian kaufte "Crown" im Jahr 2000, schloss alle Ladengeschäfte und reduzierte das Angebot auf acht Düfte, je vier für den Herrn und die Dame. Nur ein Jahr später lancierte Christian drei eigene Düfte, darunter das "No. 1" - das mit 680 Euro für 50 ml (im Kristallflakon für läppische 3400 Euro) als das teuerste Parfüm der Welt gilt - und stellte die Produktion der verbliebenen "Crown"-Düfte ein.

Wie ein Park nach einem Sommerregen

Damit hätte eine 130 Jahre alte Tradition am Ende sein können, gäbe es da nicht Lothar Ruff. Ruff, ursprünglich Dramaturg unter anderem beim Berliner Renaissance-Theater, beschloss 1994 sein Hobby zum Beruf zu machen und gründete in Berlin "The English Scent", den einzigen Fachhandel Deutschlands, der ausschließlich auf englische Parfüms und Badartikel spezialisiert ist.

Als 2001 "Crown" eingestellt wurde, empfand Ruff es "als eine Ungeheuerlichkeit, dass diese Düfte aussterben sollten". Zusammen mit einer englischen Freundin gründete "Anglia Perfumery" und ließ in England die Düfte von "Crown" nachbauen. Ursprünglich plante Ruff, nur zwei Parfüms wieder zum Leben zu erwecken, doch betriebswirtschaftliche Erwägungen führten in dazu, größere Mengen an Duftölen einzukaufen - mit dem schönen Nebeneffekt, dass er mehrere Duftkompositionen ins Angebot nehmen musste.

Inzwischen laufen unter dem Namen "Anglia" 20 Düfte, 7 für die Dame und 13 für den Herrn. Darunter sind alte Kreationen von "Crown", wie etwa das vornehme "Marquis" (ursprünglich von 1928), das herrlich zitronig-würzige "Spiced Limes" (erstmals 1921), das großartige "Park Royal" (1929), das aufgrund seiner Fougère-, Zedern- und dezenten Gewürznoten tatsächlich duftet, wie ein Park nach einem Sommerregen, oder das exzentrische "Royal Court" (um 1900), das einen zurückversetzt in das England der extravaganten Dandys.

Inzwischen hat Ruff auch eigene Kreationen entwickelt, etwa das frische "Somerset" für die Dame. Doch gleichgültig, ob neu kreiert oder nach alten Rezepten rekonstruiert: anders als die brachialen Kompositionen heutiger "Designerparfüms" sind die Düfte von "Anglia", wie im Prinzip alle britischen Parfüms, natürlich, klar und dabei dennoch komplex: selbst von einem Laien lassen sich die Bestandteile auch vielschichtigerer Kompositionen meist gut voneinander unterscheiden.

Und auch optisch setzen die Schachteln und Flakons, die an das Design der klassischen Moderne irgendwo zwischen Art déco und Bauhaus erinnern, einen befreienden Kontrapunkt zu dem Kreativ-Overkill, den man normalerweise in Parfümerien bewundern darf.


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