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03. Dezember 2012, 07:57 Uhr

Wohnen im Frachtcontainer

Die Luxus-Quader

Von Kirsten Schiekiera

Containerbauten assoziiert man gemeinhin mit Notunterkünften oder Baubaracken. Aber aus den Metallboxen lassen sich auch schicke Luxusbleiben konstruieren. Weltweit arbeiten findige Architekten daran, aus Frachtcontainern ansprechenden Wohnraum zu gestalten.

Nürnberg - Vor einigen Wochen hat Peter Dussl ein Grundstück bei Nürnberg gepachtet. Bis Weihnachten soll dort das Haus stehen, in dem er in den nächsten Jahren leben will. "Aber ob ich dort ewig bleiben will, weiß ich noch nicht", sagt er. "Wenn es mir nicht mehr gefällt, dann nehme ich mir mein Häuschen und ziehe mit ihm um."

Es ist ein Teil von Dussls Beruf, solche Dinge zu sagen. Der Kaufmann leitet gemeinsam mit dem slowenischen Architekten Jure Kotnik die Firma "Conhouse", die auf die Errichtung von Containerbauten spezialisiert ist. Derzeit errichtet das Unternehmen vier Einfamilienhäuser, einen Kindergarten und ein Bürogebäude.

Wenn es schnell gehen muss, dann lässt sich mit Container-Modulen in weniger als zwei Monaten ein Haus - mit Wasserleitungen, Stromversorgung und Anschlüssen für Telefon und Internet - schlüsselfertig aufstellen. Büros, Einfamilienhäuser, Cafés und temporäre Unterkünfte können so errichtet werden. Bei Bedarf werden die Gebäude aus Metall wieder abgebaut, an einen anderen Ort geschafft, neu hochgezogen und bei Bedarf mit anderen Containerelementen kombiniert. Ab 800 Euro pro Quadratmeter kostet der Wohnraum in einem ausgebauten Container - inklusive LED-Technik, Fußboden, Küchenanschluss, Bad, Balkon.

15 gestapelte Hochseecontainer

Eins der bekanntesten Projekte des Unternehmens ist "Gerolds Atelier" das zu der Anlage "Gerolds Garten" in Zürich gehört. Dort geben sich auf einem Parkplatz Geschäfte, Künstlerateliers, Restaurants und ein Stadtgarten ein modernes, urbanes Stelldichein. Der Hingucker von Gerolds Garten ist der "Freitag-Turm", ein Gebilde aus 15 gestapelten Hochseecontainern. Die Anlage bietet genau die Mischung aus Industriearchitektur und kreativem Freiraum, der derzeit in europäischen Großstädten wie Berlin, Helsinki oder Warschau so gut ankommt.

In Deutschland assoziiert man mit Containerbauten bislang wenig Gutes. Spontan denken die meisten eher an provisorische Büros, Baubaracken und die Darsteller der Dokusoap "Big Brother", die monatelang in einem tristen Interieur ein tristes Leben fristeten. Entdeckt man die kastenförmigen Gebäude in den Innenstadt oder auf dem Land, dann ist ihre Außenhülle oft in einem faden Hellgrau gehalten. Das Interieur wird von PVC-Böden und billigen Möbeln dominiert. Lust, in solch einer Metallbox zu leben, kommt beim Anblick nur selten auf.

"Wir kennen in Deutschland Containeranlagen meist als Wohnheime oder Notunterkünfte. Viele dieser Gebäude wurden ohne oder mit ungeeigneten Architekten realisiert, was erheblich zum Negativimage der Containerbauweise beigetragen hat", bestätigt Han Slawik, Architekturprofessor in Hannover.

Der Frachtcontainer ist überall gleich groß

Slawik war einer der ersten in Deutschland, der versuchte, Containerbauten mit anspruchsvoller Architektur zu verbinden. Eins der bekanntesten Entwürfe seines Büros Architech ist die "Homebox": ein Holzcontainer, der hochkant steht und so zu einem kleinen Wohnturm wird.

Der Architekt erzählt, dass der bereits während seiner Studienzeit ein Schlüsselerlebnis hatte. Zeit und Material wurden damals, zu Beginn der 1970er Jahre, in großem Stil verschwendet. Bauschutt landete massenhaft in Baugruben, kaum etwas wurde unweltgerecht entsorgt. Zudem gab es lange Arbeitsunterbrechungen bei Schnee oder Regen "Diese Erfahrungen haben in mir die Überzeugung reifen lassen, dass so wenig wie möglich auf der Baustelle gearbeitet werden sollte. Viel sinnvoller ist es, wenn so viel wie möglich in der Werkstatt vorgefertigt und in kurzer Zeit vor Ort montiert werden kann", sagt der Architekt, der sich intensiv mit der modularen Bauweise beschäftigt hat.

In den letzten Jahrzehnten gab es zwar immer wieder modulare Baukastensysteme, doch keins von ihnen konnte sich langfristig durchsetzen. Das lag unter anderem daran, dass die Systeme permanent weiterentwickelt werden mussten, wenn neue Bestimmungen aus dem Bereich Wärmeschutz oder Brandschutz in Kraft traten. "Das einzige Modul, dass es in Massen weltweit in gleichen Abmessungen gibt, ist der Frachtcontainer", konstatiert Han Slawik. Sie sind stabil und billig und deshalb ein ideales Element für schnelle, preisgünstige Bauten.

Gegen Vorurteile kämpfen

Auf dem Markt sind Frachtcontainer mit einer Länge von sechs oder zwölf Metern. Die Breite beträgt jeweils 2,4 Meter, die Höhe 2,6 Meter. Da in der Containerwelt amerikanische Maßeinheiten gelten, werden die Normcontainer als 20- und 40-Fuß-Container bezeichnet. Auf dieses Format sind weltweit LKWs, Frachtzüge, Schiffe, und Hebeeinrichtungen eingestellt. Konstruiert werden die Behälter aus ebenfalls genormten Stahlprofilen.

So praktisch und funktional das Bauen mit den Container-Modulen auch ist - noch gibt es viele Vorurteile, die überwunden werden müssen. Bei den Baubehörden muss Mathias Salinger, der in Oldenburg das Architekturbüro "Create your Cubes" betreibt, immer wieder Überzeugungsarbeit leisten. Von der Antragstellung bis zur Baugenehmigung vergeht mitunter mehr Zeit als nötig.

Innengestaltung kaum Grenzen gesetzt

"Meine Güte, so eine Metallbüchse heizt sich durch fürchterlich auf!", würden Unwissende oftmals beim Anblick seiner Büro- und Wohnhäuser sagen, berichtet Mathias Salinger. Nach landläufiger Meinung würde man im Sommer in den Wohnboxen schwitzen und im Winter mit den Zähnen klappern. "Dabei ist es heute problemlos möglich, Container so auszubauen und zu isolieren, dass sie ein vorbildliches Energieverhalten aufweisen", sagt Salinger.

Der kreativen Gestaltung des Inneren seien ebenfalls kaum Grenzen gesetzt: Egal ob Laminat, Parkett, Linoleum oder Teppich - praktisch jeder Bodenbelag sei für die Containerbauweise geeignet, erklärt Architekt Salinger. Das Gleiche gilt für Wandverschalungen und Tapeten. Eckige oder runde Fenster? Eine Wand als Fensterfront oder ein kleiner Balkon? Der Container-Bauherr hat die Wahl.

Baumodule nach Belieben kombinieren

"Noch sind die Deutschen sehr konservativ , wenn es um das Bauen geht. Sie errichten am liebsten Häuser aus Stein für die Ewigkeit", sagt Peter Dussl. "Das Bewusstsein, dass aus Containern tolle Bauwerke errichten lassen, setzt sich hier erst langsam durch. In den Niederlanden oder in den USA ist man in dieser Hinsicht viel weiter." So wurde beispielsweise im Süden Amsterdams eine riesige Studentenwohnanlage aus rund tausend Frachtcontainern geschaffen. Das Gebäude-Ensemble liegt idyllisch am Wasser und wirkt zugleich lebendig und behaglich. Die einzelnen Appartements sind 30 Quadratmeter groß und so beliebt, dass die Studenten Wartezeiten von bis zu anderthalb Jahren in Kauf nehmen.

Wenn größere, freie Flächen entstehen sollen, gerät die Bauweise allerdings an ihre Grenzen. "Offene Grundrisse sind schwierig zu realisieren. Wenn Container gereiht und gestapelt werden, gibt es immer doppelte Wände und Decken und Böden", erklärt Han Slawik. Wenn Containerwände entfernt werden, leidet die Statik und es muss an anderen Stellen nachgebessert werden.

Professionelle Anbieter wie "Architech", "Conhouse" oder "Create your Cubes" arbeiten deshalb mit fertigen Baumodulen, die nach Belieben kombiniert werden. So entfällt die mitunter aufwändige Nachbearbeitung der Metallboxen, die Vorteile durch das Normmaß bleiben erhalten. "So richtig eingeschlagen ist das Thema hier noch nicht. Doch in 15 bis 20 Jahren wird sich diese Bauweise durchgesetzt haben", glaubt Mathias Salinger. Noch längst seien nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Der einfache Transport ermöglicht Bauten in unzugänglichen Gebieten, nahe am Wasser und an Berghängen. "Die Module lassen sich auch problemlos mit einem Hubschrauber transportieren", schwärmt er. "Dann kommt ein Haus geflogen - das muss man sich einmal vorstellen."


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