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30.12.2011
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Designer Daniel Heer
Der Materialfetischist

Von Hannah Bauhoff

Daniel Heer: Zwischen Kunst, Design und Handwerk
Fotos

Rosshaarmatratze, Ziegenlederbeutel, Holzhocker - das klingt nicht sonderlich luxuriös. Der Sattler Daniel Heer verwandelt diese einfachen Gegenstände in Produkte mit hohem Habenwollen-Faktor. Inzwischen werden seine Entwürfe von Galerien in Berlin, Paris und New York gehandelt.

Berlin - Wenn man in dem sonnendurchfluteten Atelierraum mit Blick über die Dächer Berlins steht, riecht man das Leder, das der Sattler Daniel Heer sorgfältig direkt neben der Tür gestapelt hat. Mitten in dem großen, spärlich möblierten Raum steht er, der zierliche Schweizer mit blonden Haaren. Weißes, leicht abgenutztes T-Shirt, Lederschuhe.

"Magst du etwas trinken?", fragt er in seinem Singsang: Man mag, und während Heer Verveine-Tee kocht, zieht es den Gast zu den drei rollbaren Tischen, die im Raum verteilt stehen und auf denen diverse Lederteile, Zeichnungen und Skizzen liegen.

Was ist denn das? Ein Kreis aus naturbelassener Ziegenhaut mit lauter sternförmig zulaufenden Bleistiftlinien. Vorsichtig streicht Heer über das Ziegenleder. "Das war ein Opferkörbchen", sagt er. "Dies hat mein Großvater früher für die Kirche angefertigt und dient mir nun als Vorlage für die Pompadours." Er hält diese kleine beutelartige Tasche hoch. Das Leder der Beutel stamme aus der Schweiz und wurde früher für die Riemen an den Helmen des Schweizer Militärs benutzt, erfährt der Besucher. Es ist naturbelassen - heutzutage eine Seltenheit, vor allem in dieser Qualität - und nur noch bei einer kleinen helvetischen Gerberei, welche die Ziegenhaut noch auf die traditionelle Art behandelt, zu bekommen.

Heer sucht immer nach einer bestimmten Qualität. Es ist ihm egal, wenn es lange dauert oder er viel Zeit braucht, um an bestimmte Stoffe und Utensilien heranzukommen. Er improvisiert. Trennt ganze Stoffbahnen auf, um den passenden Faden zum Abheften zu bekommen. Zum Beispiel bei der Rosshaarmatratze, aktuell dem größten Designstück im Atelier: Das dänische Textilunternehmen Kvadrat weigerte sich aus Plagiatsangst zwei Jahre lang, farblich abgestimmte Garnrollen zum Abheften der Matratzennähte zu verkaufen.

Weil Heer den Stoffentwurf des italienischen Designers Guilio Ridolfo verehrt, kein anderes Material - und damit auch kein anderes Garn - benutzen wollte, trennte er in stundenlanger Arbeit ganze Stoffbahnen auf - nur für ganze Fäden zum Abheften. Acht Stunden brauche er, um mit den frisch gewonnen Fäden die Kanten der Matratze abzuheften, erzählt Heer. Heute, das Unternehmen hat ihm inzwischen das Garn geschickt, schaffe er es in drei.

Ein nahezu absurder Perfektionismus

Es klingt fast absurd, dieser Perfektionismus. Aber es geht ihm um eine Haltung, einen künstlerischen Weg, der bislang auf der Schwelle zwischen Kunst, Design und Handwerk verlief. Vor allem hilft dem Luzerner seine Dickköpfigkeit. Anders ausgedrückt: Der gebürtige Luzerner, der erst das Sattler- und Polsterhandwerk - "ein bisschen Tapisserie war auch dabei" - lernte, ist zäh wie Leder.

Nach Abschluss der Lehre zog er nach Prag, ursprünglich um seinen Schweizer Zivildienst zu absolvieren. Stattdessen arbeitete er in einer Schule für Hörgeschädigte, studierte freie Malerei, zog nach Berlin, assistierte an der Volksbühne bei dem Kostümbildner Johannes Kresnik, gestaltete in Warschau für freie Theaterproduktionen das Set, war in Irland und ging dann schlussendlich wieder nach Berlin.

Hier, in dem eher nüchternen Gebäude, das mit seiner Anonymität, den leeren Gänge und grau-weißen Fluren die kreativen Impulse des von Künstlern bevölkerten Hauses schluckt, hat der Lederduft etwas Anheimelndes. "Schau mal", sagt Heer, "hier ist etwas ganz Tolles passiert." Er zeigt auf ein Stück Ziegenleder am Fenster, das die Sonne ausgebleicht hat. "Das sieht aus wie diese wunderschönen Selintaschen, bei denen sie mit zwei Materialien arbeiten, die unterschiedlich aussehen. Aber das war wirklich nur die Sonne. So lebt das Leder halt auch. Und die Ziege hat noch einen schönen Griff und knautscht nicht so."

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