Montag, 24. September 2018

Designer Daniel Heer Der Materialfetischist

2. Teil: Man streichelt, riecht und taucht ein

Je weiter man eintaucht in das Universum von Heer, desto mehr geht es um Details: Um das Schimmern eines Fadens, um die Gebrauchsspuren, die Beschaffenheit eines Riemens. Man lernt, dass sich hinter Begriffen wie "Chevreau" glanzgestoßenes Ziegenleder versteckt, wofür die Mittelstücke zweier Zicklein zu einer Tasche verarbeitet werden.

Doch statt Mitleid für die niedlichen kleinen Tiere steigt in dem Besucher dieses Habenwollen-Gefühl auf. Er sitzt federnd auf dem Daybed, stellt seine Teetasse auf den kleinen Tisch, streichelt über das Leder der grünen Tasche, riecht an der anderen weißen Einkaufstasche, hängt sich eine dritte über die Schulter. Spaziert zum Spiegel und überlegt: Steht sie mir? Die schwarze, schlichte Umhängetasche, die so glatt und schmal an der Seite hängt?

"Diese Tasche sollte ein Give-Away-Geschenk für die VIP-Kunden der letzten Berliner Fashion-Week werden", reißt Heer den Besucher aus seinen Gedanken. Schöne Idee, so eine hochwertig Tasche, handgenäht, die lässt sicherlich keiner wie zufällig im Kofferraum liegen, denkt man. "Ich hatte sogar schon meine Eltern gefragt, ob sie nach Berlin kommen können, um mir zu helfen. Für einen Monat hätten wir eine Sattlerwerkstatt aufgemacht. Doch da ich keine Serienproduktion mache und alles Handarbeit ist, ging es der Agentur wohl nicht schnell genug - und sie hat stattdessen 100 Porzellanbären gekauft."

Die Enttäuschung über den verloren gegangen Auftrag liegt nur kurze Zeit in der Luft. Denn es gibt immer mehr Anfragen von internationalen Galerien und damit von Menschen, die seine Arbeitsweise schätzen: Bertrand Grimot in Paris, Kaerena Schüssler in Berlin und Jamie Gray, Begründer von "Matter" in New York sowie neuerdings auch Sonia Eram mit "Mameg" aus Los Angeles wissen, warum sie den 32-Jährigen einladen und seine Gegenstände ausstellen.

Heers Materialliebe ist spürbar: Im sorgfältigen Umgang mit alten Werkzeugen wie der eisernen Nähmaschine und der Spaltmaschine für feine Portefeuiller-Arbeiten. Im Weiterdenken: die Lederbespannung der Daybeds kann dank einer simplen Konstruktion immer nachgezogen werden. In Heers Universum geht es immer um Dinge, die Bestand haben.

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