Sonntag, 18. November 2018

Geschichte des Bürostuhls Sitze der Macht und der Mühsal

Der amerikanische Designer Jonathan Olivares hat die Entwicklung des Bürostuhls untersucht. Im Gespräch mit manager magazin Online erläutert er, warum auch Betten Büromöbel sein können, wieso der schwarze Chefsessel an Bedeutung verliert und was es mit dem Outdoor-Office auf sich hat.

Heftig verschnörkelt: Thomas Warren gestaltete diesen Stuhl 1849 für die American Chair Company
Phaidon Verlag
Heftig verschnörkelt: Thomas Warren gestaltete diesen Stuhl 1849 für die American Chair Company
mm: Herr Olivares, Welcher Stuhl gilt als Urtyp des Bürostuhls?

Olivares: Pauschal lässt sich das nicht sagen. Mitte des 19. Jahrhunderts saß man auf einfachen Holzstühlen, den Windsor-Stühlen. Aber damals wogen die ersten Rechenmaschinen auch 15 Tonnen und Büros wurden von Gaslampen beleuchtet. Um 1840 herum gab es in den Vereinigten Staaten aber bereits die ersten Stühle, die Blatt- und andere verstellbare Federn aus Stahl und Eisen hatten. Thomas Warrens Centripetal Spring Armlehnenstuhl von 1849 beispielsweise ließ sich schon in verschiedene Richtungen bewegen.

mm: Was beeinflusste die Entwicklung von Arbeitsstühlen besonders stark?

Olivares: Frederick Winslow Taylor und seine Arbeitsphilosophie. Sein Buch "The Principles of Scientific Management" wirkte sich auf die Arbeitsorganisation des gesamten 20. Jahrhunderts aus. Auf einmal gab es Spezialisten für bestimmte, genau definierte Handgriffe. Damit änderten sich auch die Anforderungen an die Arbeitsplätze - und die Bestuhlung. Aber auch neue Produktionsverfahren und soziale Erkenntnisse haben das Design stark beeinflusst.

mm: Zum Beispiel?

Olivares: Die ersten Stuhlkonstruktionen waren aus Eisen, Holz und Stahl, mit Rosshaar gefüllte Stoffkissen dienten als Polster. Dann wurde Bakelit als Werkstoff entdeckt. Ebenso gab es Bürostühle aus Stahlrohr. Marcel Breuer hat beispielsweise 1928 seinen bekannten Freischwinger auch als Bürostuhl entworfen, bei dem die Sitzfläche auf einem Drehkreuz montiert ist.

mm: Welche Rolle spielten andere Materialien?

Olivares: Durch den Zweiten Weltkrieg kamen wieder neue Werkstoffe auf den Markt, die Anfang der Fünfziger auch für die Möbelindustrie interessant wurden: Kunststoffe, Glasfaser, Aluminium, mehrfach verleimtes Sperrholz, um nur einiges aufzuführen, waren erschwinglich geworden. In den 1960er Jahren gab es Thermoplasten, also durch Hitze verformbare Kunststoffe und das Spritzgrußverfahren. Dadurch waren ganz neue Formen möglich. Man kann sagen, dass mit der Zunahme an Produktionsmöglichkeiten die Komplexität des Stuhls gestiegen ist.

mm: Ab wann spielte der Faktor Ergonomie eine Rolle?

Olivares: In den 1970ern wurde dieser Begriff populär. Designer wie Niels Diffrient, Wolfgang Müller Deisig und Bill Stumpf haben sich intensiv mit ergonomischen und damit formalen Aspekten beschäftigt: Wie muss ein Stuhl ausgeformt sein, damit er sich optimal dem menschlichen Körper anpasst? Das war die zentrale Frage dieser Zeit. Als Grundlage dienten damals die Studien von Henry Dreyfuss "Measure of Man" und Niels Diffrients Buch "Humanscale", in denen jegliche messbaren Größen des Menschen festgehalten wurden. Seitdem kann man beispielsweise nachschlagen, wie der Sitzwinkel zwischen Bein und Oberkörper in einer zurückgelehnten und in einer aufrechten Position ist - und so den Winkel zwischen Sitzfläche zu Rückenlehne definieren.

© manager magazin 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH