Donnerstag, 18. Oktober 2018

Architektur Das Zedernhaus

Wohnen im Kubus: Das Hagener Zedernhaus
Sabine Bungert

Als der Hagener Architekt Raoul Zamel Haus und Hanggrundstück seiner Eltern erbte, verwirklichte er seinen Traum vom offenen, lichtdurchfluteten Wohnen im Grünen.  Sein Wohnkubus zeigt, dass auch die Bebauungspläne klassischer Einfamilienhausgegenden viel Spielraum für Experimente lassen. 

Hagen - Über eine schmale Zufahrt steht man unvermittelt vor dem Wohnkubus, den man neben den gepflegten, aber unspektakulären Einfamilienhäusern in der Nachbarschaft gar nicht erwartet. Die extravagante Fassade fällt zuerst ins Auge: Deren Holz stammt von der kanadischen Rot-Zeder. Es verleiht dem Kubus Schattierungen von leuchtendem Rotbraun bis zu silbrigem Grau an den Wetterschlagseiten, an denen Wind und Regen den Verwitterungsprozess beschleunigt haben.

Dieser Zedernart, die schon die Indianer der nordamerikanischen Westküste für ihre Boote und Totempfähle verwendeten, weil sie besonders widerstandsfähig ist und gute Baueigenschaften besitzt, verdankt das Haus seinen Namen: "Redcedar-Haus." Hausherrin Karin Zamel erinnert das Holz an ihre Heimat: "Ich stamme aus Boston, da findet man das verwitterte Redcedar-Holz überall. Und es ist ganz naturbelassen, die Fassade wird nicht behandelt. Das Holz lebt quasi."

Raoul Zamel hat für sein 2002 fertig gestelltes Haus und erstes Projekt seines Architektenbüros Zamel-Krug bereits drei renommierte Auszeichnungen erhalten: Eine Annerkennung zum Deutschen Holzbaupreis 2004, eine der Auszeichnungen guter Bauten NRW 2004 und den Bauherrenpreis NRW 2007.

Als er das Grundstück erbte, stand hier noch sein Elternhaus, das sein Vater Adolf Zamel, ebenfalls Architekt, gebaut hatte. Doch der Bau aus den 60er Jahren war sanierungsbedürftig und zu eng für die vierköpfige Familie. Der Vater habe ihm schon vor Jahren zum Abriss geraten, sagt Raoul Zamel. "Ganz ohne Sentimentalität. Ich sollte ein Haus nach meinen Vorstellungen bauen." Und die waren: offen, lichtdurchflutet, kubistisch.

Keine Wände, keine Türen

Das Haus hat 186 Quadratmeter Wohnfläche, wirkt aber durch die offene Bauweise viel größer. Vor allem durch die Blickführung und Raumaufteilung: Im Erdgeschoss teilen Wandscheiben die Räume in einzelne Zonen, auf Wände und Türen verzichtete der Architekt völlig. Zum Garten in Südwestlage hin wechseln sich die Rotzederfassade und fünf Meter hohe Glasscheiben ab. Da das Grundstück von großen Bäumen umgeben ist, fühlt sich die Familie ungestört."Wir haben hier unten noch nicht mal Vorhänge", sagt Karin Zamel. "Das Haus gewinnt einfach durch das viele Licht."

Diese Offenheit spiegelt sich auch im Einrichtungskonzept wieder: Bauhaus-Möbel und Erbstücke wie der LC 1 von Le Corbusier und die "Wassily Chairs" von Marcel Breuer verleihen dem Haus etwas klassisch Puristisches, der große Kamin im Wohnbereich und der flauschige Teppich wiederum schaffen Behaglichkeit. Die Kaminecke ist der Lieblingsplatz der Familie, "hier halten wir uns ständig auf, die Kinder spielen, wir sitzen im Sessel und lesen", erzählt Karin Zamel.

Im Herbst und Winter sorgt die Fußbodenheizung dafür, dass der Boden aus Nussbaum-Lamellen nicht nur optische Wärme ausstrahlt. Architektur, finden Raoul und Karin Zamel, sollte immer auch alltagstauglich sein - und die Wege kurz. Der Essbereich ist daher mit Küche, Wohnzimmer und dem Garten verbunden.

Ein Grundriss, der sich den Lebensaltern anpasst

Wenn der Architekt seine Ruhe braucht, zieht er sich in seinen Arbeitsraumraum im Souterrain zurück, der in Zukunft wohl zum Jugendzimmer für die heranwachsenden Kinder umfunktioniert wird. Ein Haus zu bauen, das sich den Entwicklungen der Familie anpasst, war Raoul Zamel besonders wichtig, daher grübelte er zwei Jahre über dem idealen Grundriss, der trotz der eingeschränkten Baumöglichkeiten auf dem abschüssigen Grundstück dem Platzbedarf der Familie gerecht werden sollte.

Das Spiel mit Licht und Offenheit setzt sich im Obergeschoss weiter fort, in dem sich Schlaf- und Badezimmer und die Räume der beiden Kinder befinden. Hier sorgen schlitzartige Fenster für überraschende Ausblicke. Im Schlafzimmer etwa lässt sich durch die Fenster der Sternenhimmel beobachten, im Badezimmer ist das Fenster über der Badewanne Blickfänger und Sichtmöglichkeit ins Grüne.

Überhaupt grün: Fast an jeder Stelle im Haus fühlt man die Gegenwart des Gartens mit den schönen alten Bäumen. Jetzt, während der ersten warmen Frühlingstage, verlagert sich das Leben auf die großzügige Terrasse und in den blühenden Garten. Die Verbundenheit mit der Natur ist der Familie wichtig - auch um das Klischee zu widerlegen, dass das Wohnen im Grünen im Ruhrgebiet nicht möglich sei.

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