Freitag, 24. Februar 2017

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Studentin erforscht Jetset-Leben "Superreiche reden gern über ihre Yachten"

Mobile Festungen: Die Luxusjachten der Superreichen
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Emma Spence
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    Emma Spence ist Doktorandin an der "School of Geography and Planning" der britischen Universität Cardiff und auf Humangeografie spezialisiert.

SPIEGEL ONLINE: Frau Spence, Sie schreiben Ihre Doktorarbeit in Geografie über Superreiche und ihre Yachten. Das klingt wenig wissenschaftlich. Wie lange haben Sie gebraucht, um dafür einen Doktorvater zu finden?

Spence: An unserem Institut gibt es mehrere Dozenten, die auf die Geografie der Meere spezialisiert sind, die waren gleich von dem Thema begeistert. Von anderen bin ich anfangs ausgelacht worden. Aber Superreiche sind extrem einflussreich - und wir wissen fast nichts über sie. Das haben mittlerweile auch andere Wissenschaftler erkannt und forschen zu dem Thema.

SPIEGEL ONLINE: Und was genau untersuchen Sie?

Spence: In meiner Bachelor- und Masterarbeit ging es um die Mobilität der Superreichen und das Zusammenleben an Bord. Jetzt beschäftige ich mich mit dem Markt für Yachten. Sie sind eine merkwürdige Wertanlage: Im Gegensatz zu Kunst oder Immobilien verlieren sie permanent an Wert. Und dass Yachten schwimmen, ist für viele Besitzer nur ein Nebenaspekt, ein weiteres nettes Detail. Sie baden auch nie im Meer. Viel wichtiger ist ihnen, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Und das ist wo?

Spence: Immer da, wo die anderen Superreichen sind. Samstagabend liegen zum Beispiel alle Yachten im Hafen von Saint Tropez, Sonntagmorgen ankern alle in einer Bucht, dann trifft man sich im nächsten Hafen und so geht es von Mai bis September die ganze Mittelmeerküste entlang. Von den Crews wird die Strecke der "Milk Run" genannt, weil sich ständig alles wiederholt.

SPIEGEL ONLINE: Macht Reichtum einfallslos?

Spence: Na ja, wenn es um das Design der Yachten geht, sind viele sehr kreativ. Ich finde es faszinierend, was es da alles gibt - zum Beispiel Hubschrauberlandeplätze, die sich auf Knopfdruck in eine Disko oder einen Pool verwandeln lassen. Und die Jüngeren sind auch bei den Routen experimentierfreudiger und starten sogar Polarexpeditionen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie denn für Ihre Arbeit recherchiert?

Spence: Nach meinem Schulabschluss habe ich ein Jahr lang als Stewardess an Bord einer Jacht gearbeitet und dann immer wieder in den Semesterferien. In den letzten zehn Jahren war ich auf sieben Schiffen unterwegs. So bin ich auch auf die Idee zu der wissenschaftlichen Arbeit gekommen. Für meine Doktorarbeit habe ich an Land recherchiert: Ich habe sechs Monate bei einem Makler für Yachten in Monaco gejobbt.

SPIEGEL ONLINE: Dann sind Sie eine Under-Cover-Wissenschaftlerin?

Spence: Nein, ich gehe damit ganz offen um. Die meisten Superreichen sind auskunftsfreudiger, als man erwarten würde. Sie reden gern über ihre Yachten.

SPIEGEL ONLINE: Und wie gehen sie mit dem Personal an Bord um?

Spence: Sehr freundlich, ich habe nur gute Erfahrungen gemacht. Die Jachtbesitzer haben ja auch ein Interesse daran, eine gut gelaunte Crew an Bord zu haben. Klar, bei einigen Anordnungen wundert man sich schon. Aber hey, in welchem Studentenjob verdient man schon 2000 bis 2500 Euro im Monat und hat null Lebenshaltungskosten?

SPIEGEL ONLINE: Dafür ist man aber auch rund um die Uhr im Einsatz, oder?

Spence: Ja, das schon. Als Stewardess arbeitet man viel, die Arbeit ist hart, und man muss mit anderen auf engstem Raum leben. Aber mir war es das immer wert. In der Regel hat man jede Woche einen Tag frei - und ist dann schon dort, wo andere in Urlaub hinfahren. Die Aufgaben an Bord rotieren auch. Üblicherweise besteht die Crew aus zehn Leuten, davon vier Stewardessen. Einen Tag verbringt man zum Beispiel mit Bettenmachen und Putzen, am nächsten kümmert man sich um die Gäste, dann ist Waschen und Bügeln dran. Da muss man nicht die ganze Zeit lächeln und kann auch mal Musik hören.

SPIEGEL ONLINE: Und welche Anordnungen konnten Sie nicht nachvollziehen?

Spence: Naja, beim Schrubben und Polieren kommt man sich schon manchmal komisch vor. Die Duschen sind zum Beispiel grundsätzlich mit Marmor verkleidet, dabei gibt es kein Material, das schneller Kalkränder bekommt. Also muss nach jedem Duschen alles neu poliert werden. Nach jedem Duschen! Und der Crew wird es auch gern überlassen, ungeliebte Gäste wieder loszuwerden.

SPIEGEL ONLINE: Wie das?

Spence: Es werden ganz gern mal junge Frauen aufs Schiff eingeladen, dann wird gefeiert - und irgendwann gehen die Jachtbesitzer oder deren Söhne ins Bett und sagen der Crew, dass am nächsten Morgen abgelegt werden soll. Gesetzlich ist genau festgelegt, wie viele Menschen auf See höchstens an Bord sein dürfen. Also bleibt einem gar nichts anderes übrig, als mitten in der Nacht herumzugehen und den Gästen zu sagen, dass sie jetzt gehen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Und wie reagieren die Leute?

Spence: Viele sind enttäuscht, weil sie gedacht hatten, sie dürften jetzt mitreisen. Aber größere Probleme gemacht hat mir nie jemand.

SPIEGEL ONLINE: Heuern Sie nach der Doktorarbeit wieder auf einer Jacht an?

Spence: Nein, damit bin ich jetzt durch. Es war eine tolle Erfahrung, aber nach zehn Jahren habe ich das Gefühl, ich kenne jetzt alles. Im Jachthandel zu arbeiten könnte ich mir schon eher vorstellen. Mal sehen, was noch kommt.

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