Samstag, 16. Dezember 2017

Alle Artikel und Hintergründe

Urlaub im Krimiland an der Oste Morden im Norden

Krimiland Osteland: Jeder Ort ein Tatort
Fotos
TMN

Moor und Marsch, Schöpfwerke und Schleusen, Gräben und Gehöfte: Der abgelegene Landstrich an der Oste bildet eine hervorragende Kulisse für Kriminalromane. Ein Besuch im "Zentrum des fiktiven Verbrechens" - wo jeder Ort ein Tatort ist.

Der Ostefluss schlängelt sich zwischen Bremervörde, Stade und Cuxhaven durch plattes Land. Im Herbst hängen Nebelfetzen über grünen Wiesen und dunkelbraunen Mooren. In der Landschaft sind einsame Bauerngehöfte und Katen auszumachen - die richtige Region, um spannende Kriminalromane und düstere TV-Drehbücher zu schreiben. Mehr als 50 Krimis und 200 Drehbücher von gut zwei Dutzend Autoren sind bislang im Kehdinger Land zwischen Elbe und Oste entstanden.

Jochen Bölsche von der Arbeitsgemeinschaft Osteland nennt die Region das "Zentrum des fiktiven Verbrechens". Allein 200 Folgen der ZDF-Fernsehserie "Der Alte" hat der 2005 verstorbene Drehbuchautor und Regisseur Volker Vogeler in seinem Haus am Rönndeich in Drochtersen-Hüll verfasst. In der Nachbarschaft lebte Elke Loewe, die ihre Romanheldin Valerie Bloom zwischen Marsch und Moor mit geheimnisvollen Todesfällen konfrontiert. Szenen mit "Tatort"-Star Maria Furtwängler entstanden im benachbarten Großenwörden.

"Erlkönigs Land" hat Loewe einmal den Landstrich genannt, der sich links und rechts der 153 Kilometer langen Oste vom Elbdeich bis zu den Hügeln der Geest ausbreitet. Ein Gebiet, ungefähr so groß wie Berlin und Hamburg zusammen.

Dunkles Moor und Ziegelbrand

Die Art der Menschen - wie sie leben und wie sie sprechen - spiegelt Wilfried Eggers in seinen Krimis wider. "Diese Landschaft, sie ist inspirierend, die Marschen hinter dem Elbdeich, das dunkle Moor und weit hinten am Horizont die Geest - fast schon Ausland für uns", sagt Eggers. Er stammt aus Drochtersen und arbeitet dort hauptberuflich als Rechtsanwalt und Notar. Auch Landwirt Thomas B. Morgenstern, Politikwissenschaftler Reinhold Friedl sowie Jürgen Petschull, Wolfgang Röhl, Axel Roschen und Dietrich Alsdorf siedeln in dem Landstrich ihre teils historischen Krimistorys an.

Krimiland Osteland
Reiseziel
Das Elbe-Weser-Dreieck liegt zwischen Bremervörde, Stade und Cuxhaven entlang der Oste. Größere Orte dort sind Hemmoor, Osten, Oberndorf, Drochtersen, Freiburg und Neuhaus an der Elbe.
Unterkünfte
Es gibt einige Landhotels in den größeren Orten, dazu Bauernhofpensionen, Ferienwohnungen und Ferienhäuser. Bei Radtouren sollten die Übernachtungen genau geplant werden, weil die Anzahl der Zimmer und Betten begrenzt ist.
Weitere Informationen
Einmal im Jahr lädt die Arbeitsgemeinschaft Osteland einige Autoren zu abendlichen Krimilesungen ein, an unterschiedlichen Orten, zum Beispiel im Klinkerwerk Rusch, gleich hinter dem Drochtersener Elbdeich. Bei Rusch brennen sie seit 1881 Ziegelsteine, in einem der letzten Ringöfen in Deutschland. Es existierten einmal mehr als 100 Ziegeleien im Kehdinger Land. "Halb Hamburg wurde mit Ziegelsteinen von hier erbaut, die über die Elbe verschifft wurden. Wir sind als einziges Klinkerwerk übrig geblieben", sagt Matthias Rusch, der den Familienbetrieb in der vierten Generation führt.

Das Klinkerwerk wurde gleich in zwei Kriminalerzählungen zum Schauplatz, in Wilfried Eggers "Ziegelbrand" und in Elke Loewes historischem Krimi "Simon, der Ziegler", einer Familiensaga über das entbehrungsreiche Leben der Ziegeleiarbeiter im Jahre 1870.

Wer die Einsamkeit mag und den hohen Himmel über weitem Land liebt, der radelt mit dem E-Bike gegen den frischen Wind und erkundet die Landschaft links und rechts der Oste. Auf weit mehr als 1000 Kilometer bringt es das Netz ausgezeichneter Radwege.

Stressfreies Revier für Paddler

Auf der Tour durch das Krimiland lohnen Zwischenstopps in Gräpel und in Osten. "Fährmann hol' över!" Mit Glockenklang rufen Radler von Mai bis Mitte Oktober die Fährleute an die Arbeit. Die Prahmfähre ist schon mehr als 100 Jahre alt. Das Fährboot wird auch heute noch mit der Hand an der Kette über den Fluß gezogen. Etwa 50 Meter breit ist die Oste hier, keineswegs ein stilles Gewässer.

Zwischen Bremervörde und der Elbe folgt der Fluss auf 75 Kilometern dem ewigen Gezeitenstrom von Ebbe und Flut; an der Prahmfähre in Gräpel beträgt der Tidenhub gut eineinhalb Meter. Für Paddler und Kanusportler ist das Gewässer ein stressfreies Revier, es gibt fast keine Berufsschifffahrt. Mit der Flut lassen sie sich durch die vielen Biegungen und Windungen der Oste zwischen grünen Deichen und dichtem Schilf landeinwärts treiben.

Einmal im Leben über die Oste schweben: Dieser Wunsch wird in Osten wahr, durch die historische Schwebefähre. 1909 entstand der 80 Meter breite Stahlkoloss. Die weithin sichtbare Eisenkonstruktion wurde errichtet in der Stahlfachwerk-Bauweise, die durch Gustave Eiffel mit seinem Pariser Eiffelturm weltbekannt wurde. An dicken Stahlträgern hängt die Fährgondel, mit der einst Pferdefuhrwerke und bald auch die ersten Automobile über die Oste gelangten. Das Technikdenkmal ist die älteste deutsche Schwebefähre und eine von acht Fähren dieser Art weltweit. Autos nehmen die Fährleute allerdings nicht mit. Nur bei Oldtimern machen sie manchmal eine Ausnahme.

© manager magazin 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH