Sonntag, 23. September 2018

Abschied vom Fähnchen schwingenden Massentourismus So tickt der moderne Tourist aus China

Touristen aus Asien fotografieren sich vor dem Schloss Neuschwanstein. Gruppenreisen sind für Chinesen definitiv out.
picture alliance / dpa
Touristen aus Asien fotografieren sich vor dem Schloss Neuschwanstein. Gruppenreisen sind für Chinesen definitiv out.

Letzte Woche im Flieger von Peking nach München. Der A380 der Lufthansa Börsen-Chart zeigen ist knallevoll. Die Mehrzahl der rund 500 Fluggäste sind Chinesen, die meisten von ihnen Touristen. Sie sind chinesische Touristen der neuen Generation. Sie reisen anders und sie ticken anders als die Chinesen, die sich bislang auf Europa-Reise machten.

Wolfgang Hirn

Früher reisten diese in Gruppen durch den Kontinent, trotteten brav hinter einer Fähnchen schwingenden Reiseleiterin hinterher. Gewalttouren im Bus waren die Regel. Vier Länder in sieben Tagen waren keine Seltenheit: Neuschwanstein - Eiffelturm - Matterhorn - Kolosseum. Genächtigt wurde in billigen Absteigen, in deren Zimmer abends mitgebrachte Nudelsuppen geschlurft und Rauchverbote ignoriert wurden. Zwischendurch aßen sie mal in chinesischen Restaurants und wunderten sich, was ihnen da vorgesetzt wurde.

Diese Zeiten sind vorbei. Gemeinsam im Eiltempo durch Europa zu touren ist für viele Chinesen nicht mehr erstrebenswert. "Gruppenreisen sind definitiv out", heißt es in dem soeben veröffentlichten "Chinese International Travel Monitor 2018", der vom Buchungsportal hotels.com herausgegeben wurde. Danach reisen inzwischen zwei Drittel der chinesischen Touristen alleine oder im Familienkreis.

Der Abschied von den Gruppenreisen ist nicht das einzige neue Phänomen. Der Travel Monitor gibt noch weitere interessante Einblicke in das sich rasant veränderte Reiseverhalten der Chinesen:

  • Sie reisen öfters und bleiben länger, im Schnitt 8 bis 9 Tage. Früher waren sie nur am Chinesischen Neujahr oder in der Goldenen Woche Anfang Oktober unterwegs, heute hingegen das ganze Jahr.
  • Bleisure - also die Kombination von Business und Leisure - wird für chinesische Geschäftsleute immer attraktiver. Sie hängen einfach an ihre Dienstreise noch ein paar Tage Urlaub dran. Spitzenreiter bei diesen Bleisure-Reisen ist übrigens Deutschland.
  • Sie steigen mehrheitlich nicht in Kettenhotels ab, denn diese kennen sie aus ihrem eigenen Land. Bettenburgen von Hilton, Holiday Inn oder Sheraton haben sie genug in China. Sie nächtigen deshalb lieber im Bayrischen Hof oder in den Schwarzwaldstuben.
  • Einkaufen ist nicht mehr die Lieblingsbeschäftigung im Urlaub. Immer weniger Luxuswaren stehen auf dem Einkaufszettel, stattdessen eher lokale oder regionale Produkte. Kuckusuhren statt funkelnde Armbanduhren von Edelmachern. Sie gehen lieber in Museen statt Konsumtempel.
  • Auf dem Speisezettel der chinesischen Touristen stehen zunehmend lokale Spezialitäten. Statt Schweinefleisch süß-sauer essen sie lieber Schweinshaxen mit Kraut.
  • Europa gewinnt an Attraktivität. "Asien ist nicht mehr die bevorzugte Reiseregion", heißt es im Travel Monitor. Stattdessen stehen Europa, Nord- wie Südamerika und Australien oben auf dem Reiseplan. Und weil die Chinesische Botschaft in Washington - als Reflex auf den Handelskrieg zwischen beiden Ländern - eine Reisewarnung in die USA ausgab, rückt Europa noch mehr in den Fokus der chinesischen Touristenschar.

Das Potential haben inzwischen viele Regionen und Länder Europas erkannt. Und so ist ein heftiger Kampf um die spendablen chinesischen Touristen - sie geben im Schnitt rund 350 Dollar am Tag aus - entbrannt.


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Händler, Hotels, Kulturstätten, Restaurants und Touristenämter müssen sich auf die chinesischen Gäste einstellen. Broschüren und Infos auf Chinesisch sind das Mindeste, was sie anbieten müssen. Sie sollten außerdem in den sozialen Medien Chinas - ob auf WeChat, Weibo oder in Kurzvideos bei Douyin - auftreten und werben.

Ein großer Vorteil ist, wenn die Chinesen wie zuhause per Alipay oder WeChat Pay bezahlen können. Ein paar Airlines - wie Finnair oder KLM - und Händler wie Breuninger und Rossmann bieten das bereits an. Und auch in den meisten Geschäften an den Flughäfen in Frankfurt und München kann man inzwischen per Alipay oder WeChat Pay bezahlen.

Doch den größten Gefallen könnte der deutschen Tourismuswirtschaft das Auswärtige Amt tun, indem sie die restriktiven Visaregelungen für Chinesen lockern. Die britischen, französischen und italienischen Behörden sind da flexibler und großzügiger. So fliegen zwar viele Touristen mit der in China geschätzten Lufthansa nach Frankfurt oder München, aber dann gleich weiter nach London, Paris oder Rom.

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