Mittwoch, 19. September 2018

Costa degli Etruschi Wo die Toskana am schönsten ist

Toskana: Reisetipps für die Costa degli Etruschi
Fotos
Bruno Bruchi/La Pineta/dpa-tmn

Schnurgerade führt die berühmteste Zypressenallee Italiens von San Guido hinauf nach Bolgheri. Fast fünf Kilometer ist sie lang. Mehr als 2500 Zypressen stehen erhaben Spalier. Elegant recken sich die schlanken Bäume 15 Meter hoch in den Himmel. Ihre Anpflanzung in Reih und Glied macht die Bäume zum Kunstobjekt und Wahrzeichen der Region. Seit weit mehr als 100 Jahren trotzen sie Winterstürmen und Sommerhitze. Und selbst die Abgase von Tausenden Autos und Motorrädern ertragen sie stoisch.

Wie ruhig lag die Zypressenallee noch vor 120 Jahren da, als Giosué Carducci sie in seinem Gedicht "Vor San Guido" besang. Nur das Zirpen der Zikaden im Ohr, glaubte Italiens erster Literatur-Nobelpreisträger in den Zypressen "junge Riesen" zu erkennen, die "um ihn herumtanzten und ihn neugierig beäugten".

Carducci wuchs in Bolgheris Nachbarort auf, der zu Ehren des berühmten Literaten in Castagneto Carducci umbenannt wurde. In der Stadt herrscht gelassene Geschäftigkeit. Die Signora aus der Pasticceria lästert lautstark mit einer Kundin über das geschmacklose, weil de facto kaum vorhandene Kleid der Showmasterin gestern im Fernsehen. Ein Handwerker im Blaumann, ein älterer Herr im feinen Anzug und der am weißen Kittel erkennbare Apotheker diskutieren derweil über den Verfall der Sitten in der italienischen Politik. "Sono tutti pazzi", klagen sie unisono. Alle verrückt, diese Politiker! Die mit theatralischen Gesten aufgeführte Comedia des italienischen Kleinstadt-Alltags findet ein dankbares Publikum: Vor einer Trattoria sitzen Urlauber über dampfenden Pasta-Tellern, Augen und Ohren staunend auf die Vorstellung der lokalen Laienschauspieler gerichtet.

Costa degli Etruschi
Reiseziel
Die Costa degli Etruschi im Südwesten der Toskana bietet eine seltene Kombination: liebliche Hügellandschaft und lange Sandstrände. Dazu kommen Weltklasseweingüter, hervorragende Restaurants und ein außergewöhnlich gutes Preis-Leistungsverhältnis.
Anreise
Der nächste internationale Flughafen ist Pisa. Von dort dauert die Fahrt mit dem Auto nach Bolgheri rund 45 Minuten. Einige Orte an der Küste sind an das Bahnnetz angeschlossen.
Reisezeit und Klima
Die Hochsaison dauert von Mitte Juni bis Ende August, danach wird es angenehm ruhig. Radfahrer und Wanderer bevorzugen ohnehin das Frühjahr und den Herbst. Von Juni bis September steigen die Höchsttemperaturen auf im Schnitt 26 bis 29 Grad Celsius. Im Mai und Oktober liegen sie zwischen 22 und 23 Grad. Das Meer wird in den Sommermonaten bis zu 22 Grad warm.

Zu Carduccis Zeiten Anfang des 20. Jahrhunderts verirrte sich kaum jemand in die ärmliche Gegend südlich der Hafenstadt Livorno. In den Wäldern wurde gejagt, an der Küste gefischt und auf den Feldern Obst, Gemüse und Getreide angebaut. Aus Trauben kelterte man nur einfache Zechweine. Aufgeweckt wurde die verschlafene Gegend nach dem Zweiten Weltkrieg, als der von sonnenhungrigen Deutschen angeheizte Strandtourismus von der Adria herüberschwappte. Wirklich wachgeküsst aber wurde sie erst durch den Erfolg ihrer Winzer. Weine wie Sassicaia, Ornellaia und Masseto gehören zu den besten der Welt. Frisch aus dem Keller kosten sie zum Teil Hunderte Euro pro Flasche, ältere Jahrgänge auch mal einige tausend.

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Sassicaia & Co. gehören zum erlauchten Kreis der "Supertoskaner", die Piero Antinori Anfang der 1970er Jahre mit dem Tignanello erfand. Statt auf die in der Toskana am weitesten verbreitete Sangiovese-Traube zu setzen, kreierte Antinori eine neuartige Cuvée. Entgegen der Vorgaben des Weinbaugesetzes mischte er etwa Cabernet Sauvignon hinzu und ließ den neuartigen Mix in kleinen französischen Barrique-Eichenfässer reifen. Das Ergebnis war ein harmonischer, vollmundiger Wein im Stil großer französischer Gewächse.

Marchese Niccolò Incisa della Rocchetta folgte in Bolgheri dem Beispiel seines Neffen und versuchte sich auf seinem Weingut San Guido ebenfalls an einem Supertoskaner. Mit großem Erfolg.

Sein 85er Sassicaia gehört zu den wenigen Tropfen, die von dem weltweit führenden Weinkritiker Robert Parker mit der Höchstnote von 100 Punkten ausgezeichnet wurden. Gleich nebenan reüssierte auch Piero Antinoris jüngerer Bruder Ludovico. Das von ihm gegründete und inzwischen an einen Weinproduzenten verkaufte Weingut "Tenuta dell'Ornellaia" produziert neben dem Ornellaia auch den Masseto. Dessen 2006er-Jahrgang erhielt vom amerikanischen Weinpapst Parker ebenfalls die seltene Höchstwertung.

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