Sonntag, 21. Oktober 2018

Kalter Urlaub in Karelien Mit dem Motorschlitten über das Eis der nordrussischen Seen

Russland: Mit dem Motorschlitten übers Eis
TMN

Wer die russische Grenzregion zu Finnland besucht, begegnet einer altertümlichen Kultur. Im Sommer ist Karelien ein Paradies für Kajakfahrer - im Winter bewegt man sich schneller und lauter fort.

Während der Fahrt über den gefrorenen Onegasee legt der Schneesturm richtig los. Der wirbelnde Schnee hüllt unsere Kolonne aus elf Motorschlitten ein, nimmt jede Sicht. Weit weg sind die Ufer von Europas zweitgrößtem See, selbst der Horizont verschwimmt im Sturm. Vor dem Helmvisier tanzendes Weiß. Nur eine fahle Sonnenscheibe hängt über uns.

35 Kilometer durch das Nichts sind zu überstehen. Also Anschluss halten, auch wenn der rechte Daumen am Gashebel krampft und 16 Grad Frost gefühlt doppelt so eisig in den Kragen kriechen. Und hoffen, dass Andrej auf dem Leitschlitten weiß, wohin er navigiert, dass er uns heil herausholt aus diesem Abenteuer im nordrussischen Karelien. Immerhin: Selbst hier draußen im Nichts harren einige hartgesottene Eisangler aus und fischen.

Doch der Karelier Andrej, durch seine sowjetische Familiengeschichte mit dem georgischen Nachnamen Dwalischwili versehen, hat sich schon bei der Einweisung vor zwei Tagen als guter Reiseführer erwiesen. Eine Stunde Fahrt von der Republikhauptstadt Petrosawodsk entfernt verwandeln sich neun Touristen in einem Holzhaus am See in Michelin-Männchen: Erst dicke Skiunterwäsche, noch besser zweilagig - dann Hose, Jacke, Schal und Sturmhaube anziehen. Zum Schluss folgen der Overall, dicke Stiefel, Handschuhe und der Helm.

Wer ängstlich gegenlenkt, landet am nächsten Baum

Draußen erläutert Andrej die Motorschlitten: Gasgeben, Bremsen, Kurven fahren. Wer den Anschluss an die Kolonne verliert, soll an Weggabelungen warten. "Sonst fahrt ihr zweieinhalb Stunden in die falsche Richtung, bis der Sprit alle ist", warnt der Tourguide. Deshalb fährt Helfer Jewgeni Semaschko, im Hauptberuf Feuerwehrmann, als letzter. Er kennt den Weg und sammelt die Verlorenen ein.

Es geht los, der erste See, die erste Waldpassage, und das Fahren braucht tatsächlich kaum Vorkenntnisse. Etwas kippelig in der Längsachse sind die 300 Kilogramm schweren Böcke. Bei Schräglagen gilt: Schnell das Gesäß nach rechts oder links raus! Je lockerer man fährt, desto besser. Wer ängstlich gegenlenkt, landet am nächsten Baum oder Felsen. Das kommt alles vor in unseren drei Tagen, läuft aber ohne Schaden für Mensch und Maschinen ab. Doch wenn der Schlitten über frischen Schnee auf freier Eisfläche stürmt - was für ein Vergnügen!

Allerdings stinken die Gefährte und machen einen Höllenlärm. Erst wenn bei einem Halt auch der letzte Motor schweigt, kann man etwas Grandioses genießen: die Stille der nordrussischen Winterlandschaft. Ohne einen Laut liegen die verschneiten Wälder und Seen in der Sonne.

Seite 1 von 3

© manager magazin 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH