Dienstag, 25. September 2018

Reisen mit dem Nachtzug - in 13 Stunden nach Rom Auf Schienen durch die Nacht

Nachtzug: Unterm Vollmond von München nach Rom
TMN

13 Stunden dauert die Fahrt mit dem Nachtzug von München nach Rom. Mit dem Flugzeug sind es 90 Minuten. Wer reist heute noch durch die Nacht? Und warum? Ein Selbstversuch.

In einer Zeit, in der alles schnell gehen soll, wirkt der Nachtzug wie ein müder Dinosaurier. Tatsächlich verschwindet diese Art des Reisens: Ende 2016 hat die Deutsche Bahn ihr Nachtzuggeschäft eingestellt, die Verluste waren zu hoch. Die benachbarten Österreicher halten daran fest. Acht Nachtzug-Verbindungen von Deutschland aus gibt es noch. Betreiber sind nun die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB).

"Den Römer fahren" sagen Nachtzugführer, wenn sie die Strecke von München nach Rom meinen. Sie führt über die Alpen, Bologna und Florenz in die italienische Hauptstadt. Die Route klingt romantisch. Und der Nachtzug? Reisen, während man schläft, im Speisewagen mit Fremden trinken, vielleicht die Liebe des Lebens treffen oder einen Mord beobachten - meine Vorstellung ist dank Filmen und Literatur reichlich aufgeladen, und natürlich kann die Realität dann nur noch ein Stattdessen sein.

Nightjet heißt der blaue Nachtzug der ÖBB, das klingt nach Flugzeug, aber vor mir steht natürlich ein Zug. Ich blicke in ein normales Abteil mit drei Sitzen, die Tür kann man abschließen, das Fenster einen Spalt öffnen. Das Bad ist auch im Abteil. Wenn ich in dem separaten Raum duschen will, muss ich das Waschbecken zur Seite schieben. Einen Speisewagen gibt es nicht. Verpflegung bekomme ich vom Schlafwagenbetreuer. Was hatte ich erwartet? Es ist kein rollendes Hotel.

Mühe haben sie sich gegeben: Auf dem Sitz erwartet mich eine Tüte mit Schlafmaske, Ohrstöpseln, Erfrischungstuch und Einmal-Hausschuhen. Wasser, Saft und Prosecco stehen auch bereit. Nur das Bett - wo ist das Bett? Das ist doch der Schlafwagen.

"Das Bett bauen wir später auf", sagt Francisco Schrammel. Er ist der Night Stewart, aber man darf ihn auch Schlafwagenbetreuer nennen. Schrammel (33 Jahre, charmanter Wiener Akzent) baut die Betten auf und wieder ab, sammelt die Pappkarten ein, auf denen die Frühstückswünsche angekreuzt werden, bringt Essen und Getränke. Drei bis vier Kollegen hat er pro Nacht noch, darunter den Zugführer. Sie kümmern sich um bis zu 150 Passagiere. Nachts macht Schrammel Rundgänge, morgens weckt er die Gäste. Er selbst schläft nicht. "Nicht mal ein Nickerchen."

Schrammel ist auch für die Sicherheit verantwortlich. Diebe und Schwarzfahrer könnten im Nachtzug einen gewissen Reiz sehen, überlege ich. Einen Taschendieb hätten er und ein Kollege mal erwischt, erzählt Schrammel. Ansonsten sei es unmöglich, sich in einem Zug zu verstecken, in dem Reservierungspflicht gelte und die Mitarbeiter wüssten, wer ihre Fahrgäste seien. In der Toilette verstecken ist dann wohl einfallslos? "Ja, einfallslos", sagt Schrammel.

An seinem Job gefalle ihm, dass er viel reise. Schwierig seien Gäste, die zu hohe Erwartungen hätten. Seit Anfang 2017 arbeitet Schrammel als Nachzugbetreuer, vorher war er lange in der Wiener Gastronomie. "Es ist eng hier", sagt er. Stimmt, der Flur neben den Kabinen könnte auch auf einem Schiff sein. Aber eng ist auch gemütlich.

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