Mittwoch, 19. September 2018

Wandern auf dem Pacific Crest Trail 4280 Kilometer durch Wüste, Berge und Bärenland

Pacific Crest Trail: 4280 Wanderkilometer an der US-Westküste
Fotos
Ryan Weidert/ Pacific Crest Trail Association/ TMN

4280 Kilometer, 20 Kilogramm Gepäck, sechs Monate Zeit und ein großes Ziel: einfach ankommen. Jedes Jahr machen sich etwa 3500 Menschen auf, um den Pacific Crest Trail (PCT) an der US-Westküste zu gehen. Einen Fernwanderweg von der mexikanischen zur kanadischen Grenze, einmal quer durch die Wildnis. Längst nicht alle kommen an. Wer den PCT laufen will, braucht nicht nur eine Auszeit von der Arbeit oder vom Studium, sondern vor allem die Bereitschaft, sich zu quälen. Denn der PCT ist eine gewaltige Schinderei.

Es ist Mitte Mai. In einer Ferienwohnung in Wrightwood in der Nähe von Los Angeles sitzt der 52-jährige Eugen aus München und klebt Pflaster auf seine Füße. Vor vier Wochen hat er im Grenzort Campo im Süden der USA sein PCT-Abenteuer begonnen. Dafür hat sich der Arzt eine Auszeit vom Job genommen: "Nach 25 Berufsjahren mal sechs Monate das Handy abschalten und die Seele komplett baumeln lassen" - so hat er sich das vorgestellt.

Von dem Trip hatte er vor vielen Jahren gehört und sich vorgenommen, das irgendwann zu probieren: "Der Gedanke erschien einfach so verrückt und schön zugleich, dass es mich total gepackt hat." Nun sitzt er hier. Eigentlich hätte der Mediziner schon einige Etappen weiter sein wollen, jedoch hat er sich zu Beginn die Füße wund gelaufen, so dass er eine Woche pausieren muss.

Etwa 35 Kilometer am Tag marschieren PCT'ler, zwischendurch gibt es Ruhetage. Oft sehen sie tagelang keine Siedlung, keine Straße, keine Dusche, keinen Laden. Das heißt: Essen und Wasser für mehrere Tage mitschleppen und gut einteilen. In Südkalifornien sind Wasserquellen knapp, und wer nicht genug zu trinken hat, bringt sich in Lebensgefahr. Handyempfang gibt es über weite Strecken nicht - dafür Waldbrände, Klapperschlangen und weiter nördlich bisweilen Bären.

Der Weg ist klassisch mit Schildern markiert, aber die meisten Hiker orientieren sich an einer GPS-basierten Handy-App. Sie zeigt auch an, wo es Bäche zum Wasserfiltern gibt oder Plätze, um das Zelt aufzuschlagen. Und weil es schlichtweg unmöglich ist, Lebensmittel für sechs Monate mitzuschleppen, schicken die Wanderer vorher Pakete mit Tütenessen an Poststationen entlang des Weges.

Die Saison beginnt im April, da ist es in Südkalifornien und vor allem in der Mojave-Wüste noch nicht zu heiß und später in der High Sierra auf 4000 Höhenmetern in der Regel nicht mehr zu winterlich. Wer das tägliche Meilenpensum nicht halten kann, schafft es nicht rechtzeitig ins Ziel. Denn in Kanada ankommen sollten die Hiker Ende September, ehe es dort zu viel Schnee gibt.

Eugen hat in Wrightwood zwei Ruhetage eingelegt, bei der Post sein Essenspaket abgeholt und zieht nun wieder los. Ob er mal ans Aufgeben gedacht hat? "Ja, absolut. Wie die meisten." Nach den ersten zwei Wochen etwa, als die Füße kaputt waren. "Aber man beißt sich durch, und irgendwann merkt man: Ja, ich kann das: 35 Kilometer pro Tag mit 20 Kilo auf dem Rücken laufen, mit 2000 Höhenmetern Steigung dazu. Und das macht sogar Spaß. Schon erstaunlich."

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