Montag, 5. Dezember 2016

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Die letzten Urwälder Europas Wo man vom Biergarten direkt in den Urwald spazieren kann

Wie in Mittelerde: Die letzten Urwälder Europas
Fotos
Matthias Schickhofer; Brandstätter

Der Fotograf Matthias Schickhofer hat die letzten Urwälder Europas besucht - und kam mit fantastischen Bildern zurück. Im Interview erklärt er, warum wir im Wald oft Angst haben und wo es die schönsten Urwälder in Deutschland gibt.

manager-magazin.de: Herr Schickhofer, haben Sie eigentlich Angst, wenn Sie nachts alleine im Urwald sind?

Schickhofer: Nein. Ich bin seit vielen Jahren immer wieder mal in der Wildnis unterwegs. Ich habe mich noch nie gefürchtet. Es macht mir auch nichts, wenn es Bären und Wölfe gibt - ich bin aber auch noch keinem ganz direkt begegnet, die lassen Menschen meist in Ruhe. Einmal hat mich ein Bär aus einem Jungwuchs angeknurrt. Das war zuerst schon ein heftiger Schrecken, dann hab ich aber instinktiv laut mit dem Tier gesprochen und bin nicht weggelaufen. Das hat funktioniert. Der hat sich getrollt. Ich fühle mich im Wald grundsätzlich sehr daheim.

Buchtipp
Matthias Schickhofer
Unser Urwald
Die letzten wilden Wälder im Herzen Europas


Brandstätter, September 2015, 192 Seiten, gebunden, 34,90 Euro

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mm.de: Den meisten Menschen geht das anders. Und das schon lange: Der römische Historiker Tacitus schrieb von "den schrecklichen Wäldern" Germaniens. Warum macht uns der Wald Furcht?

Schickhofer: Der natürliche Lebensraum der frühen Menschen war die Baumsteppe: Weite, offene Flächen mit einzelnen Bäumen oder Baumgruppen. Daher kommt vielleicht auch unsere Vorliebe für Parklandschaften - englische Landschaftsgärten sind diesem Habitat vermutlich nachgebildet, das ist etwas Archaisches, das tief in uns wurzelt. Wir mögen diese Weite, diese Offenheit, aber es muss auch Verstecke geben. Im tiefsten Innern haben wir immer noch Angst vor Beutegreifern - dabei haben wir die selbst schon fast alle ausgerottet. In der westlichen Welt hat eine Entwöhnung von der Wildnis stattgefunden, weil es hier kaum noch Wildnis gibt. Freie Natur - das kennen wir allenfalls noch aus dem Gebirge. Selbst die Nationalparks sind meist Sekundärlandschaften, die immer noch stark von der bisherigen Forstwirtschaft geprägt sind. Das ist allenfalls Urwald von morgen.

mm.de: Wie lange dauert es denn, bis dieses Morgen eintritt? Bis aus einem Wald wieder Urwald geworden ist?

Schickhofer: Schwer zu sagen. Echter Urwald ist ein Wald, der sich seit der letzten Eiszeit ohne maßgeblichen menschlichen Einfluss entwickelt hat. Erst gab es Birkenwälder, Haselwälder, dann kamen Eichen - und jetzt leben wir im Zeitalter der Buche. Aber alte Buchennaturwälder muss man bei uns fast mit der Lupe suchen. Das wird Jahrhunderte bis Jahrtausende brauchen, bis es da wieder Urwälder gibt. Aber Wälder wie der Steigerwald oder der Spessart sehen schon sehr ähnlich aus wie die Buchenurwälder in den Karpaten. Da liegt Totholz, der Wald ist nicht gleichaltrig, es gibt sehr alte Bäume mit Höhlen und Spalten. Da kann sich die Artenvielfalt entwickeln. In Urwäldern leben besondere Pilze, Käfer und Vögel, die es in den jüngeren Wirtschaftswäldern nicht gibt.

mm.de: Haben Sie einen Lieblingswald in Deutschland?

Schickhofer: Ganz viele. Absolut großartig ist der Bayerische Wald, da gibt es kleine Bereiche, die nie forstwirtschaftlich genutzt wurden. Das Urwaldgebiet Mittelsteighütte bietet eine in ganz Europa einmalige Konstellation: Sie trinken ein Bier in einem Biergarten, und fünf Minuten später können Sie in einen echten Urwald spazieren. Wunderschöne alte Wälder gibt es auch an der Müritz und in den Bayerischen Alpen in der Nähe von Wildbad Kreuth. Den genauen Ort möchte ich nicht verraten. Da führt auch kein Wanderweg hin. Das ist wirklich eine andere Welt, wie aus einer anderen Zeit.

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mm.de: Welche Tageszeit ist Ihnen die liebste?

Schickhofer: Ganz in der Frühe oder spät am Abend ist das Licht besonders interessant. Das blaue Abendlicht nach Sonnenuntergang produziert interessante Stimmungen; vor Sonnenaufgang ist das Licht warm und weich, rötlich, toll zum Fotografieren. Regenwetter ist auch fantastisch: Der nasse Laubwald duftet und leuchtet, und besonders im Herbst gibt es wirklich magische Momente.

mm.de: Wenn man Ihre Fotografien betrachtet, scheint Sie der Mikrokosmos mit winzigen Blüten, Pilzen und Moosen ebenso zu faszinieren wie die mächtigen Baumriesen.

Schickhofer: Der Bewuchs im Keller des Waldes ist wie eine Fantasy-Welt: Wenn alte Bäume fallen, entstehen Lichtungen, Jungwuchs kommt nach, faszinierende Mikrowelten, fast ein Miniatur-Urwald. Da herrscht ein grünes Zwielicht, da wähnt man sich in einem Wald wie in "Herr der Ringe".

mm.de: "Verkommenheit, wie überall dort, wo die ordnende Hand des Menschen nicht hinkommt", so sah man Ende des 19. Jahrhunderts die Urwälder. Wann hat sich dieses Bild geändert?

Schickhofer: Das ist eine relativ neue Entwicklung. Früher war der Wald vor allem Lebensraum und Ressourcenquelle. Man trieb Vieh hinein und mästete die Schweine dort. Wald war Teil der Lebensgrundlage, aber er war auch gefährlich. Man konnte sich verirren, es gab Räuber, Wald war bedrohlich. Das Bestreben, Gefahr zu bannen, sieht man vielen unserer Wälder heute noch an. Ab dem Zeitalter der Romantik wurden einige der letzten alten Wälder erhalten, oft als Kulisse für das Jagdvergnügen des Adels. Dass Urwald auch wissenschaftlich und ökologisch bedeutsam ist, auch für die Forstwirtschaft, das fand man erst viel später heraus.

mm.de: Die letzten großen Urwälder gibt es vor allem in Osteuropa. Jüngst wurde bekannt, dass der Möbelriese Ikea in Rumänien 336 Quadratkilometer Wald erworben hat. Wie wird es mit diesen Wäldern weitergehen?

Schickhofer: Diesen konkreten Fall habe ich nicht recherchiert und ich weiß nicht, ob es sich da um Urwald handelt. Ikea ist in manchen Bereichen fortschrittlich. Nachdem es harsche Kritik von Umweltorganisationen gab, an Kahlschlägen in russischen Urwäldern, hat der Konzern seine Politik in Teilen geändert. Wenn man über Ikea hinausblickt: Immer noch wird in Rumänien auch in Nationalparks geholzt, auch in Urwäldern. Das muss sich dringend ändern. Rotbuchenwälder gibt es nur in Europa. Die brauchen daher dringend besseren Schutz. Deshalb hat die Unesco auch ein Welterbe-Programm zum Schutz der europäischen Buchenwälder gestartet. In Nationalparks sollten eigentlich 75 Prozent der Fläche streng geschützte Kernzonen sein, ohne Holzeinschlag.

mm.de: Und wie sieht es wirklich aus?

Schickhofer: Im Bayerischen Wald ist das auch so. In Rumänien sind aber nur 25 bis 30 Prozent der Nationalparks streng geschützt. Die Nationalparks werden von den rumänischen Staatsforsten Romsilva gemanagt und die verfolgen zuerst einmal kommerzielle Interessen und versteigern sogar Einschlagsrechte in Nationalparks. Die riesigen Sägewerke von Konzernen wie Schweighofer haben einen gewaltigen Holzhunger, da kommen auch Urwälder unter Druck. Die Urwaldflächen in Rumänien haben sich in den letzten 10 Jahren fast halbiert. Klar, in Rumänien gibt es Armutsprobleme, da holen Leute auch mal illegal Holz aus dem Wald, um zu überleben. Der große Raubbau geht aber auf die Kappe von Konzernen, von denen viele offenkundig korrupt sind. Statt die Urwälder umzuschneiden, könnte der Tourismus dort viel besser entwickelt werden. Es ist nämlich traumschön dort, nur weiß das kaum jemand.

Noch mehr Wald gefällig? Hier geht es zu der Reportage aus dem Teutoburger Wald von "Sehnsucht Deutschland".


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