Freitag, 27. April 2018

Die besten Restaurants in Mannheim Lecker im Quadrat

Mannheim: Die besten Restaurants im Quadrat
Fotos
Markus Bassler für DER FEINSCHMECKER

Die Stadt mit dem sachlichen Schachbrett-Grundriss erschließt sich ihren Besuchern erst auf den zweiten Blick. Aber dann überrascht sie mit erstaunlichen Schätzen: von ambitionierter Spitzenküche bis zu legeren Bistros, von türkischer Pide bis zum originalen Spaghetti-Eis.

"Die Welt", seufzte schon Goethe einst wissend, "urteilt nach dem Scheine." Für Mannheim bedeutet das leider nichts Gutes. Dem süßlichen Charme Alt-Heidelbergs, vom Mannheimer Hauptbahnhof mit S-Bahn und Bus neckaraufwärts keine halbe Stunde entfernt, hat die einst stolze kurpfälzische Residenz am Rhein äußerlich auch bei wohlwollender Betrachtung nichts entgegenzusetzen. Von Ringstraßen umgeben und in Vierecke unterteilt, lassen sich hier sämtliche Attraktionen zwar in kürzester Zeit fußläufig erreichen - es sind nur leider nicht besonders viele. Jedenfalls auf den ersten Blick.

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Heft 5/2018

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Auf den zweiten bietet die Stadt dem aufgeschlossenen Genussreisenden ungeahnte Möglichkeiten und überraschende Entdeckungen. Die sinnenfrohe Pfalz ist nah, so wie Baden und das Elsass - und das Kapital der Ludwigshafener Industriegiganten hat es über die Konrad-Adenauer-Brücke auch nicht weit. Unbedingt empfehlenswert also, den nächsten Ausfall eines ICEs auf der Rheintallinie Richtung Basel oder die üblichen Anschlussprobleme zwischen Frankfurt und München für eine kleine kulinarische Expedition zu den Mannheimer Genießeradressen zu nutzen.

Die erste Anlaufstelle, wenn auch schon lange kein Geheimtipp mehr, ist natürlich das Restaurant "Opus V" in der sechsten Etage des Modehauses "Engelhorn" hoch über der Fußgängerzone (lesen Sie dazu auch: Wo man beim Shoppen am besten tafelt). Hier wirkt Tristan Brandt, nach allgemeiner Expertenmeinung der beste Koch im weiten Umkreis, und überzeugt in einem urbanen casual-fine-dining-Setting - offene Räume, Holz, nordisch anmutende Ästhetik - mit seiner ebenso klassisch fundierten wie zeitgemäß geradlinigen Küche. Großartig sein glasiger Hummer auf milder Jalapeño-Emulsion mit einigen Tropfen Korianderöl und opulentem Quinoa-Mimolette-"Risotto". Zum Löffelablecken sein getrüffeltes Landei, himmlisch eine Taubenbrust von kräftigem, typischem Geschmack, serviert mit einem zitrusfruchtigen ponzu-Tauben-Sud. Allerdings leider nur am Abend zu haben.

Freunde eines ausgedehnten Mittagessens rücken 200 Meter weiter vor nach Q6/Q7 und werden dort im Basement einer kürzlich eröffneten Shoppingmall fündig. Mehr Dubai-Hongkong-Singapur ist in Mannheim sonst nirgendwo. Aber das bezieht sich erfreulicherweise nicht auf die wurzellose Beliebigkeit der Spitzengastronomie ebenda, im Gegenteil. Schon die Benennung des jüngsten Mannheimer Top-Restaurants - "Emma Wolf since 1920", nach der Großmutter des Chefs - macht deutlich, dass hier Tradition und regionale Überlieferung nicht weniger im Fokus stehen als zeitgeistige "Bistronomy"-Innovationen.

Dennis Maier bietet in seinem kleinen Restaurant im Industrielook mit Gittern, unbehandelten Beton- und blauen Fliesenwänden, Filzsets auf blanken Holztischen, Thonet-Imitaten und funzeligen Designerlampen ein kulinarisch seriöses Programm mit Bistrocharakter: handgeschnittenes Rindertatar mit samtiger Anchovis-Mayonnaise und getrocknetem Eigelb, safransattes Miesmuschel-Ragout mit cavatelli-Pasta, geschmorter Weißkohl mit der großartigen Blutwurst des pfälzischen Kultmetzgers Klaus Hambel und einem zartsäuerlichen Sud mit grobem Senf. Das alles kommt ebenso wohlschmeckend wie unaufgeregt und zu ausgesprochen erfreulichen Preisen aus einer großen offenen Küche, in der eine entspannte Jungherrenmannschaft konzentriert vor sich hin werkelt.

Zum Dessert könnte man sich wahlweise eine muntere Kombination von Vanille-Zimt-Eis, Popcornschaum und Blaubeeren auf der Zunge zergehen lassen - oder aber ein Stockwerk höher eine Mannheimer Delikatesse von weiter Verbreitung und kaum bekanntem Ursprung am Originalschauplatz probieren: Spaghetti-Eis.

Auf dem Münzplatz des Stadtquartiers Q6/Q7 befindet sich mit dem "Intermezzo" nämlich die jüngste Dependance des traditionsreichen Mannheimer Eiscafés "Fontanella", bis heute dank der konsequenten Verarbeitung erstklassiger Rohstoffe sowie norditalienisch-seriösem Handwerk in einer gläsernen Manufaktur eines der besten im weiten Umkreis. Vor allem aber der Ort, an dem im Jahr 1969 der damals 17-jährige Dario Fontanella den vermutlich populärsten Eisbecher der Republik erfand.

Zwischen Kiel und Garmisch allsommerlich millionenfach verhunzt, schmeckt er im Originalformat schlicht hinreißend: etwas Schagsahne unter einer luftigen Haube besten Vanilleeises bilden die "Spaghetti", darauf eine "Tomatensauce" aus vollreif pürierten Erdbeeren, bestreut mit etwas "Parmesan" aus geraspelter weißer Valrhona-Schokolade.

Menschen, die um ihre kulinarische Glaubwürdigkeit fürchten, sollten sich beim Verzehr bewusst machen, dass sie es mit einer Spezialität zu tun haben, die immerhin Eingang in den Duden gefunden hat: "Spaghetti-Eis. Substantiv, Neutrum - in Form eines Spaghettigerichts serviertes Speiseeis"! Der Duden kommt übrigens auch aus Mannheim.

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