Dienstag, 17. Oktober 2017

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Mailand im Höhenrausch Skyline all'italiana

Blick auf die Skyline des Stadtteils Porta Nuova mit dem hohen Torre (Tower) Unicredit (Mitte) in Mailand. Foto: Nicole Becker/dpa

Mailand will hoch hinaus. Der Gastgeber der Weltausstellung Expo präsentiert sich den Besuchern mit neuer Skyline. Nach Jahrzehnten des architektonischen Stillstands findet die Stadt jetzt ihren Weg in die Moderne.

Mailand - Ob eine Stadt als Metropole wahrgenommen wird, entscheidet sich nicht zuletzt an ihrer Architektur. Italiens Expo-Metropole Mailand wuchs zwar immer mehr in die Fläche, doch nicht in die Höhe. Das Bauwerk, welches das Bild der Stadt bis heute prägt, ist der gotische Dom. Doch nun setzen gleich zwei Großprojekte markante Konturen in die Skyline. Mit "Porta Nuova" und "CityLife" will sich Mailand ein Stück weit neu erfinden.

Der Kopf rutscht in den Nacken, der Blick findet erst nach 231 Metern seinen Halt - an der Antennenspitze des "Torre Unicredit", dem höchsten Punkt von "Porta Nuova". Am Bahnhof Porta Garibaldi empfängt Mailand mit futuristischer Grandezza. Das hier seit 2005 entstehende und inzwischen in weiten Teilen fertiggestellte Wohn-, Geschäfts- und Erlebnisviertel soll, so die Vision, einmal ein neues Stadtzentrum werden. Mehr als 20 Architekten aus acht Ländern haben hier auf mehr als 290.000 Quadratmetern aus viel Glas, Stahl und Beton ein Mailand erschaffen, das es so bislang nicht gab.

Denn diese Stadt war nie besonders vertikal ausgerichtet. Nur ganz wenige Gebäude ragten aus ihr heraus. Die Moderne kam allenfalls mit Einzelelementen wie dem Neubau der Universität Bocconi nach Mailand. Und dabei zählt die Stadt doch das Design zu ihrem Wesenskern und hätte demnach eine Verpflichtung zur ständigen Erneuerung.

Patricia Viel ist Partnerin in einem der renommiertesten italienischen Architekturbüros, Antonio Citterio Patricia Viel and Partners. "Wir haben zum einen in Italien eine architektonische Kultur, die eher auf das Konservieren und Ersetzen ausgerichtet ist", erklärt die 52-Jährige. "Und zum anderen fehlt es im Land schlicht am Geld für Großinvestitionen." Die Entstehung von "Porta Nuova" etwa steuerte der US-amerikanische Projektentwickler Hines. Im Februar übernahm dann der katarische Staatsfonds Qatar Investment Authority die gesamten Anteile.

Eine Architektur, die so radikal mit der Ästhetik ihre Nachbarschaft bricht wie "Porta Nuova" polarisiert auch. Vor allem die an den Außenfassaden von rund 800 Bäumen und mehreren tausend Pflanzen bewachsenen Zwillingstürme "Bosco verticale" (senkrechter Wald) ernten in Mailand viel Spott. Die Fachwelt hingegen sieht das anders. 2014 verlieh ihnen eine renommiert besetzte Jury den Internationalen Hochhauspreis.

"Mailand wurde im Zweiten Weltkrieg schwer zerstört. Und danach leider nicht sehr vorteilhaft wieder aufgebaut", findet Patricia Viel. "Es mangelt zum Beispiel an öffentlichen Gärten, Parks und großen, urbanen Plätzen." Nun sehen neue Bebauungskonzepte vor, diesen Makel zu korrigieren. "Porta Nuova" zum Beispiel ist durchzogen von Fußgängerzonen. Auf der zentralen Piazza Gae Aulenti treffen sich die Mailänder am Wochenende zum Flanieren. Und wo künftig ein Park ergrünen soll, wächst momentan ein temporäres Getreidefeld - eine Installation der amerikanischen Konzeptkünstlerin Agnes Denes.

Auch "CityLife" wird einmal zur knappen Hälfte von Parkflächen bedeckt sein. Zurzeit ist das Areal des ehemaligen Messegeländes aber noch eine Großbaustelle. Doch die südliche Flanke des Viertels wurde bereits verwirklicht. Dort stehen sich zwei luxuriöse Wohnkomplexe gegenüber, erschaffen von Zaha Hadid und Daniel Libeskind, zwei der größten Namen der internationalen Architektenszene. "60 Prozent der Wohneinheiten sind verkauft - und zwar fast ausschließlich an Italiener", sagt Giorgio Lazzaro, der Marketing- und Kommunikationsdirektor von "CityLife" bei einer Führung durch die von Sicherheitszäunen umriegelte Residenz Hadid. Die Quadratmeterpreise liegen hier zwischen 6500 und 10 500 Euro.

Vom Penthouse aus lässt sich die weitere Ausgestaltung des rund 366 000 Quadratmeter großen Geländes bereits erahnen. Einer der drei geplanten Bürotürme reckt sich 202 Meter hoch in den Himmel. Damit ist der "Torre Isozaki", gemessen an der Dachhöhe, das derzeit höchste Gebäude Italiens. Rund 3800 Menschen werden auf den 50 Etagen bald für ein großes Versicherungsunternehmen arbeiten. Bis 2017 sollen dann auch die Wolkenkratzer von Zaha Hadid und Daniel Libeskind realisiert sein. Zu ihren Füßen entsteht ein großes Einkaufszentrum.

Weder "Porta Nuova" noch "CityLife" stehen im direkten Zusammenhang mit der Weltaustellung Expo (1. Mai bis 31. Oktober). Beide Projekte waren bereits konzipiert, als die Stadt 2008 den Zuschlag für die Ausrichtung bekam. Aber dieses Ereignis hat die Prozesse beschleunigt, wie auch Patricia Viel bestätigt.

Die bewaldeten Zwilligstürme "Bosco Verticale" in Mailand. Der Wohnhauskomplex wurde 2014 mit dem Internationalen Hochhauspreis ausgezeichnet. Er wird seit 2004 alle zwei Jahre von der Stadt Frankfurt und dem deutschen Architekturmuseum vergeben. Foto: Kirsten Bucher/Deutsches Architekturmuseum/dpa

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