Donnerstag, 18. Oktober 2018

Leipzigs Hotspot der deutschen Kunstszene Wo Neo Rauch malt und Sammler auf Pirsch gehen

Kunst-Szene: Leipzigs kreative Baumwoll-Spinnerei
Nils A. Petersen/Spinnerei Leipzig/dpa-tmn

Die grüne Flügeltür unter dem Glasvordach aus der Zeit der Jahrhundertwende steht weit offen. Etwas versteckt liegt das künstlerische Zuhause von Claudia Biehne in diesem Gebäude am Rande der Leipziger Baumwoll-Spinnerei. "Nr. 10 F" prangt schwarz auf weißem Grund an der Ziegelsteinmauer. Seit 2003 ist die Leipziger Porzellankünstlerin ein Teil der Szene hier.

Die kreative Lockerheit der Anfänge spürt die 44-Jährige noch heute. "From Cotton to Culture" lautet der Slogan auf dem Gelände im Stadtteil Plagwitz. Die alte Spinnerei war einst ganz neu: 1884 errichtet, um den weltweiten Bedarf an Baumwolle zu decken. Heute gilt das Gelände im Osten der Stadt als Herzstück der Leipziger Kunstszene - allen voran die Neue Leipziger Schule um Malerstar Neo Rauch. Auf rund 100.000 Quadratmetern befinden sich Galerien, Projekträume und Ateliers, die nationale und internationale Kunst präsentieren.

Eine Stadt in der Stadt, das war die Baumwollspinnerei von Anfang an. Georg Lisek, Künstler und als Kunstpädagoge bei Führungen auf dem Areal im Einsatz, zeigt auf das große Aquarell im Archiv Massiv, dem Besucherzentrum im ältesten Gebäude der Spinnerei. Nach nur 25 Jahren hatte sich die Leipziger Baumwollspinnerei zur größten auf dem Kontinent entwickelt: sechs Hektar, 20 Gebäude, vier bis fünf Geschosse. 240.000 Spindeln, 208 Kämmmaschinen, 1600 Arbeiter.

Es gab eine Betriebsfeuerwehr, Werkskantine, Badeanstalt, Kindergarten. Den Krieg überstand das Gelände, weil die Dächer begrünt waren und so riesig, dass die Bomberpiloten sie für Wiesen hielten - so die Legende. Im Lustgarten der ehemaligen Direktorenvilla fällt der Blick auf die Arbeiterwohnungen, die heute begehrter Wohnraum sind. Idyllisch im Schatten der Bäume gelegen, schmecken hier Kaffee, Kuchen und warme Kleinigkeiten. Eine Stärkung vor dem Rundgang über das Gelände. Eine weitläufige, ehrwürdige Fabrikanlage. Unglaublich schöne riesige Räume mit fantastischer Lichtsituation, das Markenzeichen der Spinnerei.

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Im Jahr 2000 wurde die letzte Produktionsstätte geschlossen, 2001 kauften drei Immobilienmakler aus Westdeutschland das Areal. Anderswo wären daraus vielleicht Loftwohnungen geworden. Doch für die gibt es im Leipzig der Jahrtausendwende keine Mieter. "Dann blüht etwas auf, wie Phoenix aus der Asche", schwärmt Lisek. Künstler hauchten dem Gelände neues Leben ein. Die Neue Leipziger Schule hat hier ihre Wurzeln, Star Neo Rauch noch immer sein Atelier. Wo genau, verrät der Gästeführer nicht.

Bis 2009 entwickelt sich die Baumwollspinnerei zu einem der größten kulturellen Zentren für kunstinteressierte Reisende aus aller Welt. Bereits 2007 nennt der englische "Guardian" die Kunstfabrik "the hottest place on earth" (der heißeste Platz der Welt) - die Kunst betreffend. Bekannte Galerien wie die Galerie Eigenart von Judy Lübke lassen sich auf dem Areal nieder. Zwei Mal im Jahr, im Frühjahr und im Herbst, lädt die Spinnerei zum großen Rundgang.

Es ist und bleibt ein Spagat zwischen Arbeitsort und Angebot an die Öffentlichkeit. "Zum einen darf die Spinnerei nicht zum Künstlerzoo oder Rummelplatz werden, und daher werden auch viele Anfragen in diese Richtung konsequent abgesagt", sagt Michael Ludwig, Pressesprecher der Spinnerei. Zum anderen brauche natürlich auch jeder Künstler die finanzstarken Sammler.

Das sieht auch Sebastian Burger so. Sein Atelier liegt in Haus 18, seit 2009 ist es sein künstlerisches Zuhause. 110 Quadratmeter, perfektes Licht. "So ein super schönes Atelier wäre woanders unbezahlbar", sagt der Maler. Die Spinnerei vereint für ihn das Beste aus beiden Welten. Er mag die verschlafen-verträumte Stimmung am Wochenende, aber auch die Betriebsamkeit unter der Woche. "Ich merke natürlich, wie sich das Gelände immer mehr füllt", sagt Burger. Seine Hoffnung: dass sich der Wandel behutsam vollzieht.

Für Porzellankünstlerin Claudia Biehne ist ihr Atelier auch Ausstellungsraum. Besucher können bei der Entstehung der zarten Einzelstücke zusehen oder die fertigen Werke bewundern. "Im Vergleich zu Berlin habe ich hier Luft zu atmen", sagt die Künstlerin. Gästen legt sie einen Besuch im Luru-Kino ans Herz. Gleich hinter dem hohen Schornstein der Spinnerei geht es hinab in den Keller. Auch hier wartet Kunst: Die Tapeten sind Original-Linol-Schnitte von Künstler Christoph Ruckhäberle, der mit Michael Ludwig das kleine Programmkino führt. Für viele ist es heimliches Highlight des Geländes.

Durch den Hinterausgang geleitet Besucherguide Lisek die Gäste in die halbunterirdischen Gänge der Spinnerei. Die festungsartigen Fundamente sorgen für ein tolles Klima und konstante Temperaturen zwischen 16 und 17 Grad. Ideale Bedingungen für die Druckereien, deren Reich hier unten liegt. So hat die Kunst jeden Quadratzentimeter der Spinnerei erobert.

Nicole Jankowski, dpa/mh

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