Donnerstag, 17. Januar 2019

Matera in Italien Von der "Schande Italiens" zur Kulturhauptstadt

Kulturhauptstadt Matera: Wie eine große Weihnachtskrippe
Nico Colucci/Fondazione Matera Basilicata 2019/dpa-tmn

Matera
Anreise
Matera ist am schnellsten von der apulischen Stadt Bari aus zu erreichen. Flüge dorthin gibt es von mehreren deutschen Flughäfen. Von Bari sind es mit dem Auto rund 65 Kilometer. Wer keinen Leihwagen nehmen möchte, kann mit dem Zug ab dem Hauptbahnhof Bari fahren. Die Fahrt dauert knapp zwei Stunden, ein Ticket kostet fünf Euro, die Züge verkehren stündlich, jedoch nicht an Feiertagen.
Übernachtung
Sehr viele Unterkünfte finden sich auf der Plattform Airbnb, viele sind in ehemaligen und restaurierten Höhlensiedlungen in den Sassi untergebracht. Die Preise liegen zwischen 30 und 130 Euro pro Nacht, je nach Ausstattung. Daneben gibt es viele Hotels, darunter einige Drei- oder Vier-Sterne-Häuser mit Preisen ab rund 70 Euro pro Nacht.
Stadttouren
Touren durch die Sassi oder den Park Murgia gibt es von vielen Anbietern, nicht alle haben jedoch einen englischen Internetauftritt. Wer sich vor Ort informieren will, kann das bei einer der vielen Touristeninformationen in der Innenstadt tun, etwa an der Piazza Vittorio Veneto 39 ("Info Matera Tourist Information") oder in der Via Scotellaro 4 ("Matera City Tour").

Die kleine Bergstadt Matera hat in Italien die höchste Zahl an Airbnb-Wohnungen, gemessen an der Zahl der Einwohner. Und sie sieht mit ihren antiken Gemäuern und der urzeitlichen Landschaft so altertümlich aus, dass dort gerne Bibelfilme gedreht werden, etwa Mel Gibsons "Die Passion Christi". Jetzt soll der Rest der Welt Matera entdecken, das neben Aleppo in Syrien zu den ältesten Städten überhaupt zählt: 2019 ist es neben dem bulgarischen Plowdiw Europäische Kulturhauptstadt.

"Dimenticato da dio" (von Gott vergessen) sagen die Italiener über zwei Regionen in ihrem Land: Molise und Basilicata. Molise liegt östlich von Rom, Basilicata in den Bergen zwischen Neapel und Bari, Matera ist Hauptstadt. Von Gott vergessen, denkt man während der Anreise vom Hauptbahnhof in Bari. Der Zug ist laut und langsam und hält öfter an, als er müsste.

In Matera wohnen 60.000 Menschen, auf dem Weg vom Bahnhof zur Innenstadt hätte man eher auf 6000 getippt. Und dann steht man plötzlich in den Sassi, den zwei ältesten Stadtteilen, dem Herz der Stadt und jeder Geschichte über Matera. Eigentlich verwundert es, dass Matera in Italien heute so wenig Menschen kennen: In den 1950er Jahren ging es als "la vergogna d'Italia", die Schande Italiens, in die Geschichte ein, denn in den Sassi lebten damals noch rund 15.000 Menschen in unzumutbaren hygienischen Bedingungen.

"Sasso" heißt Stein auf Italienisch. Die Wohnungen in den Vierteln Sasso Caveoso und Sasso Barisano waren keine, wie man sie heute kennt, sondern Höhlensiedlungen, bewohnt seit der Spätantike. Menschen lebten dort zu Dutzenden, noch nach dem Zweiten Weltkrieg, zusammen mit Tieren. Licht war rar, die Luft schlecht, Krankheiten verbreiteten sich schnell.

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Der italienische Schriftsteller und Arzt Carlo Levi machte das Land in seinem Roman "Christus kam nur bis Eboli" (1945) darauf aufmerksam: "Ich habe noch nie ein solches Bild des Elends erblickt." Die Sassi wurden evakuiert, die Menschen umgesiedelt, das Viertel verfiel. In den 1980er Jahren fingen die Bewohner an, es zu restaurieren, 1993 ernannte die Unesco die Siedlungen zum Weltkulturerbe. Aus der "vergogna", Schande, wurde "orgogna": Stolz.

Zu Recht. In den verwinkelten und treppenreichen Gassen, die durch die hügeligen Viertel führen, werden sogar Fotomuffel die Aussicht festhalten wollen. Auf die weißen Felsen und die darin liegenden Höhlen, in denen nun wieder Menschen leben und arbeiten. Und auf die Murgia. Der rund 8000 Hektar große archäologische Park liegt gegenüber der Stadt, die am Rand einer Schlucht steht, durch die sich der Fluss Gravina schlängelt.

Schaut man hinüber auf die andere Seite, zur Murgia, sieht man Menschen auf den Felsen wandern. Wie sie da am höchsten Punkt entlanglaufen, wirkt es, als gingen sie auf dem Ende der Welt spazieren. Oder in den schottischen Highlands. Oder in einer Herr-der-Ringe-Kulisse. Auch in der Murgia finden sich Höhlen, von frühesten Kirchen bis zu Fledermausgrotten.

In den Sassi wiederum rechnet man damit, hinter jeder Ecke auf Jesus zu stoßen. Hier wurden neben Gibsons "Die Passion Christi" zum Beispiel auch "Das Erste Evangelium - Matthäus" von Pier Paolo Pasolini oder "König David" mit Richard Gere gedreht. Statt Jesus trifft man aber auf Cafés, Eisdielen, Restaurants. Der Titel Europäische Kulturhauptstadt bringt der Stadt Aufschwung, viele junge Italiener kommen zurück - oder waren nie weg.

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