Sonntag, 4. Dezember 2016

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Jenseits der Komfortzone - 11.000 Kilometer Radrennen durch Südamerika Schwitzen, Strampeln und totale Erschöpfung

Jenseits der Komfortzone: Radrennen durch Südamerika
Fotos
Hardy Grüne

Der nachfolgende Text stammt aus dem Buch "Jenseits der Komfortzone - 11.000 Kilometer Radrennen durch Südamerika" von Hardy Grüne. In 108 Etappen geht es mit dem Fahrrad von Ecuador bis nach Argentinien. Der Buchauszug behandelt die 44. Etappe.

44. Etappe. Titicacasee - La Paz, 80 Kilometer, 408 Höhenmeter

Ein Tag im Boxring. Es stehen sich gegenüber: wir Radfahrer als Vertreter der Fliegengewichte und unzählige Lastwagen als Champions der Schwergewichtsklasse. Ein ungleicher Kampf, in dem mehrfach nur die Flucht in die Seile hilft. In unserem Fall der Straßengraben. Eine angstspeisende und wutstimulierende Erfahrung. Wiederholt bin ich der Ohnmacht nahe, wenn aus der Gegenrichtung anrauschende Lastwagen schlagartig auf meine Fahrbahnseite ausscheren, um zu überholen.

Hasserfüllt fauche ich die Todespiloten an, zetere grimmig auf meinem schmalen Fahrradsattel. Vergeblich. Nicht einmal eine Geste bekomme ich zur Antwort. Ausnahmslos stoisches Desinteresse. Als existierte ich gar nicht und würde meinen erigierten Mittelfinger nicht auf die Attentäter richten.

Verkehrschaos in Bolivien: El Alto ist für die Radfahrer eine große Herausforderung
Dabei wartet der Höhepunkt des Tages noch auf uns. Und das gleich in doppelter Hinsicht, denn mit El Alto steuern wir nicht nur auf den höchsten Punkt der Tagesetappe zu, sondern zudem in das wohl abenteuerlichste Verkehrschaos, das Südamerika in dieser Region zu bieten hat. 30 Kilometer vor der Stadtgrenze geht es los. Winzige Lehmhütten ducken sich in die farbentleerte Landschaft. Ausgelutschte Naturpisten führen zu Steinhäusern im Rohbau.

Sie wirken, als seien sie schon vor Ewigkeiten aufgegeben worden. Hunde streunen, schmutzige Kinder schauen uns stumm nach. Armut sieht überall gleich aus. Plastiktüten und wilde Müllhalden werfen künstliche Farbe ins Bild. Die Luft erfüllt vom Gestank der ungefilterten Dieselabgase. Minibusse rasen von hier nach dort. Aus ihren Fenstern starren Menschen mit leeren Gesichtern. Hier kämpft jeder für sich alleine.

Buchtipp

Jenseits der Komfortzone
11.000 Kilometer Radrennen durch Südamerika
Hardy Grüne

Die Werkstatt, 240 Seiten, broschiert, November 2015, 19,90 Euro

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Zu fünft wagen wir uns in den fauchenden Moloch. El Alto ist die zweitgrößte Menschenburg Boliviens. Eine Millionenstadt, in der Hoffnung und Hoffnungslosigkeit direkte Nachbarn sind. Vor allem Landflüchtlinge lassen sich in dem ausufernden Hüttenmeer oberhalb des Talkessels von La Paz nieder. In der Hoffnung auf ein besseres Leben. Unten, in La Paz. Wo es wärmer ist, die Luft nicht so dünn und der Wohlstand größer. Doch nur wenige schaffen es. Die meisten fristen zeit ihres Lebens einen nüchternen Überlebenskampf im windumtosten Kühlschrank von El Alto.

Je näher wir dem Zentrum kommen, desto hektischer wird es. Wilde Baustellen engen die Straße ein. Auf den Straßen herrscht Anarchie. Busse jeglicher Größe schießen von allen Seiten an uns vorbei. Wir lösen die Bremsen der Vernunft. Schwimmen wie Fische durch den Verkehr. Fühlen uns wie Goldfische im Haifischbecken. Hier herrscht das Recht des Stärkeren. Vertrauen auf die Rücksicht der anderen wäre ein Fehler mit tödlichem Potenzial. Zum Überleben braucht es blitzgescheite Gewandtheit.

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