Freitag, 14. Dezember 2018

Eisfest in Harbin Winterwunderland in China

Eisfest in Harbin: Bitte recht kühl
Stephan Scheuer / TMN

Harbin in Chinas Norden richtet jedes Jahr ein großes Eisfest aus, mit kalten Fabelwesen und neonbeleuchteten Palästen. Aber es gibt auch echte Tiger.

Das Thermometer zeigt minus 22 Grad, und der 67 Jahre alte Sun Mojie ist in seinem Element. Als er ausatmet, bilden sich sofort kleine Kristalle an seiner Jacke. Mit seiner Hand streichelt er über einen zwei Meter langen Klotz aus Eis. "Das ist doch ein echter Rohdiamant", sagt Sun. Einen Tag wird er brauchen, um aus dem überdimensionalen Eiswürfel eine Skulptur zu schaffen.

Tiere, Fabelwesen und ganze Schlösser entstehen jedes Jahr zum Eisfest in Chinas Nordprovinz Heilongjiang. Seit mehr als 300 Jahren haben die Fischer in der Region südlich von Sibirien ein besonders Verhältnis zum gefrorenen Wasser. Im 17. Jahrhundert sollen die Ersten angefangen haben, sich Eis-Laternen für dunkle Winterabende zu bauen. Sie bohrten Löcher für Kerzen in riesige Eiswürfel. Dank des langen Winters hielten diese Laternen über Monate.

Das Schnee- und Eisfest in Harbin
Anreise
Harbin ist die Hauptstadt der nordostchinesischen Provinz Heilongjiang. Mehrere chinesische Airlines bieten täglich Flüge nach Harbin von Peking aus. Es gibt auch eine Schnellzugverbindung für die mehr als 1300 Kilometer zwischen den beiden Städten. Der Flug ab Peking dauert etwa zwei, die Zugfahrt acht Stunden.
Einreise
Touristen aus Deutschland müssen für China ein Visum beantragen. Dafür zuständig ist die nächste Botschaft oder das nächste Konsulat Chinas. Viele Konsulate haben die Abwicklung der Visa an externe Agenturen übertragen.
Klima und Reisezeit
Das Schnee- und Eisfest beginnt in der Regel Anfang Januar und ist bis Ende Februar geöffnet. In kalten Wintern kann das Fest auch bis in den März dauern. Touristen sollten sich auf extreme Minusgrade einstellen. Im Durchschnitt herrschten während der vergangenen Winter Temperaturen um minus 20 Grad. An kalten Tagen sind jedoch auch Temperaturen um minus 35 Grad möglich.
Kosten
Eintrittskarten zu einem der drei Parks fangen bei umgerechnet rund 30 Euro an. Hotels in der Stadt verlangen während des Festes ein Vielfaches der normalen Zimmerpreise.
Informationen
Fremdenverkehrsamt der Volksrepublik China, Ilkenhansstraße 6, 60433 Frankfurt (Tel.: 069/520135, E-Mail: Mailadresse , www.china-tourism.de).
Sun ist in der eisigen Kälte in der Provinzhauptstadt Harbin aufgewachsen. Als kleiner Junge schnitzte er im Winter Figuren aus Eis. Dann wurde für ihn aus dem Zeitvertreib ein Beruf. Denn die Provinzregierung erkannte in den Eis-Laternen das Potenzial für eine Touristenattraktion. Die Rechnung ging auf.

1963 richteten die Funktionäre ein Eisfest in Harbin aus. Drei Jahre später versanken weite Teile Chinas für ein Jahrzehnt im Terror der Kulturrevolution. Aber als das Riesenreich in den 80er Jahren zur großen, wirtschaftlichen Aufholjagd ansetzte, war auch das Eisfest zurück. Mit dem steigenden Wohlstand vieler Chinesen wächst das Fest seit Jahren. Mittlerweile wetteifern drei Parks jeden Winter mit aufwendigen Skulpturen um die meisten Besucher.

Das größte Eisfest der Welt

Sun hat den Eisblock mit einem kleinen Bagger aufstellen lassen. Trotz seines dicken Wintermantels zeichnen sich seine muskulösen Arme ab. Den weichen Konturen seines runden Gesichtes ist sein Alter kaum anzusehen. Ernst wendet er sich seiner Arbeit zu. Mit einem etwa 30 Zentimeter langen Meißel schabt Sun über die glatte Oberfläche. Kleine Eissplitter fliegen ihm um die Ohren. "Wir müssen zuerst die grobe Form ausarbeiten. Erst später kommen wir zu den Details", sagt der Künstler.

Harbin beansprucht für sich den Titel als größtes Eisfest der Welt. Rund eine Million Besucher kommen für die Eiskunstwerke jedes Jahr in Chinas Norden. In der Liga spielen höchstens noch das Sapporo Schnee-Festival in Japan, der Winter-Karneval im kanadischen Quebec oder das Ski-Festival in Norwegen.

Sun Mojie geht einen Schritt zurück und betrachtet den Eisblock. Es zeichnet sich die grobe Form eines Kopfes ab. "Unsere Arbeit ist eine sehr vergängliche Kunst", sagt er. "Es ist eine Arbeit für den Augenblick. Das macht den Reiz aus." Bildhauer hätten Monate oder sogar Jahre für ihre Skulpturen. Ihm als Eiskünstler blieben allenfalls ein paar Tage.

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