Dienstag, 20. November 2018

Romantische Wildnis mitten in London Exit vom Brexit in Hampstead Heath

Hampstead Heath: Romantische Wildnis mitten in London
Christoph Driessen/dpa-tmn

Hoch über London gibt es noch ein Stück Natur, das nicht von der Millionenstadt verschlungen worden ist. Auf Hampstead Heath kann man in kniehohem Gras sitzen, eine fantastische Aussicht genießen - und angeblich sogar Gespenstern begegnen.

Es mag Deutsche geben, die sagen, dass sie nicht in London wohnen wollten. Aber der Deutsche, der behauptet, dass er es auch in Hampstead nicht aushalten würde, ist mir noch nicht begegnet. In Hampstead hat man das Beste zweier Welten: Man ist nur vier U-Bahn-Stationen von Piccadilly Circus entfernt und fühlt sich doch wie auf dem Land. Das liegt am Village-Charakter, an den verträumten Häusern und verwinkelten Gassen und eben am Heath, dem Wald- und Wiesengebiet auf einer Anhöhe hoch über der Stadt.

Der höchste Punkt heißt Parliament Hill. Darunter erstreckt sich die gesamte Innenstadt, von Big Ben im Westen bis zu den Hochhäusern von Canary Wharf im Osten. London erscheint zum Greifen nah, und doch so unwirklich wie eine Fata Morgana - man selbst steht in kniehohem Gras. Der Heath wirkt wie eine Wildnis, die wegen eines glücklichen Zufalls mitten in der bald Neun-Millionen-Metropole überlebt hat. Man wäre keineswegs erstaunt, wenn plötzlich ein Hirsch hinter einem Baum hervorschauen würde.

Ganz so ist es dann allerdings doch nicht. Ich habe noch nie etwas Größeres als ein Eichhörnchen gesehen. Und den zahlreichen Wanderführern und Fotobänden über Hampstead Heath lässt sich entnehmen, dass das Stück vermeintlich unberührter Natur kaum weniger gehegt und gepflegt wird als die Parks in der Innenstadt.

Christo-Projekt "The Mastaba" schwimmt im Londoner Hyde Park

Seit ich nicht mehr in London wohne, sehne ich mich ständig zurück nach Hampstead Heath. Egal zu welcher Jahreszeit - der Heath hat immer seinen Reiz. Ich kann mich an einige Winter erinnern, als Schnee lag. Bei einem solchen Spaziergang über den verschneiten Heath soll dem Schriftsteller C.S. Lewis die Idee zu seiner Fantasiewelt Narnia gekommen sein, in der die Weiße Hexe einen 100 Jahre währenden Winter heraufbeschworen hat.

Am ersten schönen Wochenende im Frühjahr strömt halb London auf den Heath, um einmal tief durchzuatmen und sich davon zu überzeugen: "Spring is in the air." Friedrich Engels, der mit seinem Freund Karl Marx über Jahrzehnte hinweg mehrmals in der Woche auf den Heath wanderte, schrieb begeistert, sie würden bei diesen Gelegenheiten "mehr Ozon als ganz Hannover" einatmen.

Die große Attraktion des Sommers sind die drei Naturschwimmbäder, die ursprünglich als Trinkwasser-Reservoirs angelegt wurden. Es gibt einen Teich für Männer - ein bekannter Schwulentreff - einen für Frauen und einen "mixed bathing pond". Das Wasser ist kühl, und manchmal stößt man an Seerosen. Ein zusätzliches Spannungselement ergibt sich daraus, dass man das Wasser mit Hechten teilt. Die vierfache Oscar-Preisträgerin Katharine Hepburn (1907-2003) ließ sich nicht davon abhalten, immer mindestens einmal im "Ladies' Pond" schwimmen zu gehen, wenn sie in London weilte.

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